Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Etwas mehr

darf’s jetzt schon sein

Nach einem sensationell erfolgreichen Debütalbum haben die Kaiser Chiefs viele Fans mit B-Klasse-Britpop wieder vergrault. Weil das Quintett aus Leeds neben mediokren Songs aber immer noch echte Hits schreibt, ist die Columbiahalle gut gefüllt. Früher waren die Kaiser Chiefs eine mäßige Liveband: Oft drohten sie zwischen den Egos von Sänger Ricky Wilson und Schlagzeuger und Songautor Nick Hodgson zerrieben zu werden. Jetzt funktioniert die Chemie besser. Wilson steht im Scheinwerferlicht und zelebriert seinen Frontmann-Status mit Mikrofongewirbel, Sprungeinlagen und unermüdlicher Publikumsanimation. Dafür nimmt sich Hodgson die Freiheit, mit Gitarrist Andrew White, der einen perfekten Sixties-Haarhelm trägt, pieksende Lärmapplikationen in die Songs einzustreuen. Zudem ist der an Vorbildern wie The Jam oder The Kinks geschulte Sound präziser geworden. Während sich die Kaiser Chiefs früher alle Mühe gaben, ihre Stücke unfallfrei runterzuschrubben, darf es heute schon mal ein Gitarrensolo hier oder eine Keyboardbreitseite dort sein. Den Wiedererkennungswert ihrer Hits schmälert das nicht. Als die Kaiser Chiefs nach 70 Minuten „Oh My God“, die Hymne der Generation Easyjet, anstimmen, springt der enthemmte Partymob auf und ab, als gäbe es kein Morgen. Jörg Wunder

KLASSIK

In die

falsche Richtung

Ist es unfair zu sagen, dass der Star des Abends das Orchester ist, die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz? Eingekauft war sie eigentlich nur zur Begleitung des Startenors Jonas Kaufmann in der Philharmonie. Da das Programm nur sechs der versprochenen „Romantic arias“ enthält, gibt es für das Orchester unter Leitung von Michael Güttler noch eine Menge Zeit, und die wird weidlich ausgekostet. Faszinierend die Präzision der Streicher bei den technisch heiklen Auftakten von Webers „Oberon“-Ouvertüre, rund und transparent der Klang der Bläser in der Ouvertüre zu Verdis „Forza del destino“. Und Jonas Kaufmann? Macht den Zuhörer ratlos. Der dunkel-satten Grundfarbe seines Timbres kann und will man sich nicht entziehen. Kaufmanns Stimme ist mittlerweile groß, schwer, baritonal und will mit einigem Aufwand bedient werden. Die Gewürzzutaten des italienischen und französischen Repertoires, die Schluchzer, das Piano im Falsett bietet Kaufmann zwar an, doch sind sie nicht in die Stücke eingearbeitet. Einen Vorgeschmack auf sein Münchner Lohengrin-Debüt im Juli gibt der Tenor am Ende mit der Gralserzählung. Wagners tenorale Lichtgestalt als Aufgabe für einen Fast-Bariton? Hier wird eine Tradition des Wagnergesangs wiederbelebt, die man glücklich überwunden glaubte. Matthias Nöther

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