Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Hör mal,

wer da spielt

Was für Fußballvereine selbstverständlich ist, kann auch für Orchester nicht falsch sein: den Nachwuchs aus der eigenen Kaderschmiede zu rekrutieren. Herbert von Karajan hat vor fast 40 Jahren die Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker gegründet, ein Viertel der heutigen Philharmoniker haben diese Schule durchlaufen. Die Stipendiaten lernen schon früh, sich nicht nur solistisch zu perfektionieren, sondern auch in der Gemeinschaft zu spielen, in der man auf die anderen hören muss, wenn Musik entstehen soll. Passend zum teilweise blutjungen Orchester steht auf dem Programm des Stipendiaten-Konzerts im Kammermusiksaal keine etablierte Form. Vielmehr wird die Symphonie in einem frühen Stadium vorgestellt. Beim fünften von Händels zwölf Concerto grossi op. 6 und bei den drei Tageszeiten-Symphonien von Haydn können die Besucher hörend nachvollziehen, wie eine neue Konzertform entsteht, die sich schließlich als die dominierende des bürgerlichen Zeitalters durchsetzen sollte. Dirigent Giovanni Antonini betont mit weit ausgreifenden Armbewegungen besonders die Differenzen von zarten und kräftigen Passagen. Das Resultat ist ein schöner, lebendiger, dennoch kontrollierter Klang. Freilich steckt der Teufel im Detail. Während einer Dialog-Szene zwischen Violine und Cello im zweiten Satz der „Midi“-Symphonie entlockt Jacob Spahn seinem Cello entspannte, natürliche Klänge, während Maria Stabrawa an der Violine nicht nur verbissen guckt, sondern den Dialog auch offensichtlich dominieren will. Aufeinander zu hören ist eben manchmal das Schwerste. Udo Badelt

DISKUSSION

Guck mal,

was da boomt

Ana Dimke wird häufig gefragt, ob sie sich nicht darum sorgt, was aus ihren Studenten wird. Sie ist Dekanin an der Universität der Künste. Die brotlose Kunst – ein altes Vorurteil, wie Dimke glaubt, oder doch eher eine aktuelle Sorge in Zeiten, in denen Berlin mit über 500 Galerien boomt und Kunst immer mehr etwas mit Markt zu tun hat? Die auf zwei Jahre angelegte Diskussionsreihe Best Practice, Berlin in der Temporären Kunsthalle beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst und ihren Rahmenbedingungen. Bei der Auftaktveranstaltung am Dienstag, moderiert von Kunsthallen-Leiter Thomas Eller, kam eine lebendige Diskussion aber nicht recht in Gang. Neben den UDK-Professorinnen Ana Dimke und Josephine Pryde boten die Forderungen der Gäste jedoch zumindest ein Abbild der Gemengelage zwischen Kunst und Kommerz.

So beklagte die Künstlerin Monika Brandmeier, dass Ausstellungen zwar immer populärer, finanziell aber nichts abwerfen würden: „Künstler sollen ständig zum Unterhaltungsstandort Berlin beitragen.“ Gerhard Pfennig, Geschäftsführer der VG Bild-Kunst sagte, gemessen an der gesellschaftlichen Erwartungshaltung investiere der Staat zu wenig in die Kunst. Birgit Maria Sturm vom Bundesverband Deutscher Galerien und Editionen vertrat den Standpunkt, dass Galerien nicht nur marktorientiert denken. Für den Aufbau eines Künstlers seien auch Investitionen nötig. Gerhard Suhrenbrock von der Künstlersozialkasse wünschte sich, „dass die Akzeptanz der Kunst- und Kreativwirtschaft steigt, die KSK mitzufinanzieren“. An diesem Abend ging es um Kunst, auch. Aber vor allem um Geld. (nächste Veranstaltung: „Präsentation und Vermittlung“, 27. Januar Temporäre Kunsthalle, 19 Uhr. www.kunsthalle-berlin.de) Anna Pataczek

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