Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christiane TewinkelD

KLASSIK

Stolz

und Strahlen

Es dauert ein wenig, bis man herausgefunden hat, warum die junge Geigerin Julia Fischer so fasziniert, immerhin tauchen überall und ständig neue Nachwuchsviolinisten auf. Der große Saal im Konzerthaus auf jeden Fall ist ausverkauft, Fischer und die Academy of St. Martin in the Fields spielen Violinkonzerte von Bach, Brittens „Variationen über ein Thema von Frank Bridge“ und schließlich die „Sonata für Streichorchester“ von William Walton. Die sich  leider etwas zieht. Zwar spielt die Academy auch hier frohgemut und punktgenau, zeigt sie nun endlich, dass sie nicht nur herrlich weich klingen, sondern auch zupacken kann. Doch ermüdet das Schweifen des Lento, wirkt das Motorisch-Spielmusikartige des Finales ein bisschen gestrig. All das macht aber nichts – längst hat der Abend für sich eingenommen. Es ist schon die Art, wie die 1983 geborene Fischer, die seit 2006 eine Professur in Frankfurt innehat, vor dem Orchester steht, die sie unverwechselbar macht: Stolz spricht aus ihrer Haltung, eine absolute Souveränität. Ihr Bogenarm ist außergewöhnlich  locker, sie setzt ein starkes, rasches Vibrato, ihr Timbre ist gülden, ohne satt zu sein, es strahlt, ohne fiepsig zu werden. Mitunter wird ihr Ton so zart, als sei ein Dämpfer aufgesetzt. Und das wohl Wichtigste: Gerade bei Bach scheint Fischer mehr harmonisch als melodisch zu hören. Dem Melodieinstrument Geige steht eine solcherart strukturierende Spielweise besonders gut, weil sie das Zuhören leicht fallen lässt. Von hinten klingt also das Cembalo, bedächtig krauchend und gliedernd, vorn steht Fischer und leitet spielend an. Nicht nur das Orchester, sondern auch die Zuhörerschaft: So soll es sein mit dem Solistenwesen. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Stimmen in

der Nacht

Einen kalten Wintermonat lang widmen sich die Berliner Philharmoniker den Orchesterwerken Robert Schumanns. In den Sinfonien und Solokonzerten wollen sie mit heißen Händen nach den Eisblumen der Romantik suchen und betreten nach ihrem kompakten Brahms-Zyklus nun Boden, der deutlich stärker schwankt. Sakari Oramo, der einst Simon Rattle in Birmingham folgte, eröffnet die Schumann-Reihe mit der 2. Sinfonie und dem Violinkonzert, es folgen Heinz Holliger und zweimal Simon Rattle selbst am Pult der Philharmoniker. Oramo strahlt eine natürliche musikalische Autorität aus, er phrasiert so organisch, als schöpfe er seinen Atem aus einem Meer von Musik. Dass der finnische Dirigent seine Karriere als Konzertmeister begann, spürt man an seinem gesunden Pragmatismus, dem die Philharmoniker wie von selbst folgen. Schumann, der fragile Sinfoniker, klingt unter seinen Händen selbstverständlich und erstaunlich gut durchblutet. Ja, beinahe wäre es ein bisschen zu pausbäckig zugegangen in der Philharmonie. Doch plötzlich dringen Stimmen wie von fern durch die Nacht, geistergleich, und Inseln der Einsamkeit lösen sich vom musikalischen Festland. Isabelle Faust ist die ideale Interpretin für Schumanns Violinkonzert. Der Klang, den sie ihrer Stradivari „Dornröschen“ entlockt, atmet keinerlei Süßlichkeit. Zart und herb zugleich, entfacht sie einen poetischen Widerstand gegen das Schicksal, wie eine innere Unruhe, die niemals auspendelt. Faust entfacht kein virtuoses Strohfeuer, sie folgt der Spur von Schumanns musikalischen Irrlichtern. Eine bewegende Winterreise (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

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