Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Udo Badelt

KLASSIK

Geisterstunde

für Haydn

Im 200. Todesjahr Haydns einfach nur seine Werke spielen, das kann jeder. Wer im Haifischbecken der Berliner Orchester auffallen will, klebt zusätzlich ein Etikett auf sein Programm. Das Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek benutzt den Begriff „Dialoge“, um Haydn in die Gegenwart zu holen. Das macht Sinn, hat Haydn doch in seiner Symphonie Nr. 94 „Mit dem Paukenschlag“ selbst Dialoge geführt: mit dem Londoner Publikum, das im langsamen Satz regelmäßig einzuschlafen drohte, und mit der musikalischen Tradition, indem er das berühmte simple Thema des Andante mehrmals variierte, ins Groteske verzerrte und so seine Wirkungsweise bloßstellte.

Das Konzerthausorchester spielt tänzelnd, anmutig, auch durchhörbar, ohne großen Widerstand. Fast wünscht man sich, dass dieses Thema, das sich wie ein Ohrwurm in die Gehörgänge hineinwindet, so zerrissen wird, wie es Hans Zender dann in seinem 1982 geschriebenen „Dialog mit Haydn“ tut. Hier taucht es nur noch in entstellten Fragmenten auf, wird in veränderter Tonhöhe weitergeführt, steht flimmernd in der Luft, bricht ab, fällt herunter. Andreas Grau und Götz Schumacher halten die Hammerköpfe ihrer Flügel fest oder legen Tücher hinein, um den Spuk noch zu verstärken. Leider sind die Musiker so sehr auf die extrem analytische Partitur konzentriert, dass sie wenig sinnlich spielen und der von Zagrosek angekündigte Humor des Stücks kaum Chancen bekommt. Strawinskys „Symphonie in drei Sätzen“ – auch sie ein Dialog mit der Haydnschen Symphonieform – wirkt dagegen wie eine Befreiung. Udo Badelt

NEUE MUSIK

Gesang von

ostdeutscher Seele

L’art pour l’art ist Georg Katzers Sache nicht. Darin bleibt der Komponist sich treu. Seine Bühnenwerke verstehen sich als politisches Theater wie seine Oper „Antigone oder Die Stadt“, die nach der Wende 1991 an der Komischen Oper herauskam. Jetzt hat Katzer im Auftrag des Konzerthauses für das Förderprojekt „Open Your Ears“ eine „Revue (ohne Ballett)“ namens Keinort komponiert. Es geht darum, die beiden Revolutionen zu beleuchten, deren Jubiläen in das Jahr 2009 fallen: die französische von 1789 und die deutsche von 1989.

Was ist geblieben? „Keinort“ als Utopie. Und eine nachdenkliche Lehre für Leistungskurse an Schulen. Berliner Jugendliche und Erwachsene deklamieren im Chor, während Titus Engel das Kammerensemble Neue Musik Berlin mit hervorragenden Instrumentalisten vor sich hat. Die Chöre „agitpropisieren“, dabei verleugnet Katzer nicht, dass sein Meister Hanns Eisler ist und der wiederum Schönberg-Schüler, mit allem Für und Wider und Lüften „von anderen Planeten“. Klirrende Klänge, Ostinati, eine Collage aus eigenem Text, die Friedrich Schiller und Erich Honecker einbindet.

Alle Menschen werden Brüder, meint der Flüsterton, Brüder? Brüder? Und mit zarter Sachlichkeit spricht der Schauspieler Christian Steyer von Brandenburgischen Landschaften und versandeten Hoffnungen. Unsentimental geht es um Gefühle. Moritat, Mauer, Marcia funebre: Was im Werner-Otto-Saal uraufgeführt wird, lässt Fragen offen, die „ihr im Parkett“ selber beantworten mögt. Ein Gesang von ostdeutscher Seele. Sybill Mahlke

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