Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNSTHANDWERK

Glück

mit Glas

Nun hat sie einen Zwilling bekommen, nach über 2000 Jahren. Die berühmte Glas amphora aus Olbia gilt als Meisterwerk hellenistischer Handwerkskunst. Seit 1913 kann das grünlich schimmernde Gefäß in der Antikensammlung des Alten Museums bestaunt werden. Ihre formale Eleganz und die Höhe von nahezu 60 Zentimetern grenzen an Wunder, denn was aussieht wie raffinierte Glasbläserkunst, muss in Wahrheit auf noch kompliziertere Weise zustande gekommen sein: Die Glasmacherpfeife war zur Herstellungszeit zwischen 150 und 80 vor Christus noch nicht erfunden. Mit der Doublette wurden einige Rätsel gelöst – dem Glasexperten Josef Welzel gelang eine Rekonstruktion des Weingefäßes. Original und Neuschöpfung sind zusammen zu sehen, dazu informiert die höchst sehenswerte Ausstellung über den abenteuerlichen Weg zur fertigen Nachschöpfung (Bodestraße 1–3, bis 19.4., Mo.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–22 Uhr).

Die Amphore, ein Krimi. Das Gefäß setzt sich aus zwei Hauptformen zusammen. Ihre Nahtstelle ist mit einem rankenverzierten Band aus vergoldetem Kupferblech verdeckt. Anhand von Werkstattfotos erläutert Welzel sein Vorgehen, das im Fall der unteren Bauchform darin bestand, einen Glasbarren langsam zu erhitzen, bis sich das halbflüssige Glas über einen Formkern aus Schamotte legte. Mit dieser Absenktechnik arbeitete übrigens auch der berühmte griechische Bildhauer Phidias in Olympia. Die fertigen Teile wurden von Welzel mit einer speziellen, nicht unriskanten Schleiftechnik geglättet. Fehlversuche spart der Rekonstrukteur in seiner Chronik nicht aus. Doch die enorme Mühe hat sich gelohnt. Jens Hinrichsen

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