Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

NEUE MUSIK

Wenn ein Orchester

Zerstörung will

Das Faszinosum großes Orchester, eine lukullische Tafel für Komponisten, lockt das Festival Ultraschall (noch bis 1. Februar, www.kulturradio.de) in das Haus des Rundfunks. Hier, wo die ehemalige SFB-Reihe „Musik der Gegenwart“, nun unter der Ägide von RBB und Deutschlandradio Kultur, ihr 204. Konzert erreicht, geht es einmal nicht um das musikalische Erbe der DDR: Dieser Themenschwerpunkt prägte das Wochenende im Radialsystem. Gewinn des Abends im Großen Sendesaal ist vor allem die Mitwirkung des Deutschen Symphonie-Orchesters, weil die Musiker sich aus ihrer Tradition heraus mit verantwortlichem Engagement und Wachheit für die Aufführungen einsetzen. Neue Musik hat sich auch Roland Kluttig zu einem Hauptanliegen gemacht, gebürtig aus Radeberg, Lachenmann- und Nono-Dirigent an der Oper Stuttgart. Er gibt dem Orchester die sorgende Präzision vor, auf die es bauen kann. Das Programm aus Erstaufführungen erfolgreicher Komponisten, sachlich für die Live-Übertragung moderiert von Margarete Zander (RBB), nimmt sich eher beliebig aus. „Zerstören II“ von Iris ter Schiphorst übt Orchestergewalt, um differenzierend mit Energie umgehen zu können. Das geschieht mit mutierenden Tönen, Samples und Live-Klängen, die fremd-vertraut sind. Als Intermezzo lässt Franco Donatonis „Orchesterübung“ hören, wie inspiriert ein Italiener B-a-c-h singt und dramatisiert. Ein „Altbau“ ist für Enno Poppe das Orchester, und der Komponist sucht und findet darin, was als Erinnerung aufblüht und in enger Lage schmerzt: Farben, Impressionismus, Eigenklang. Sybill Mahlke

JAZZ

Suche nach dem

blinden Fleck

Er ist ein vielseitiger Typ, der in Berlin lebende Finne Kalle Kalima. Immer wenn er eine neue Art entdeckt, wie er die E-Gitarre spielen könnte, gründet er eine Band und versucht herauszufinden, wie weit sie ihn trägt. Im Soi Ensemble praktiziert er nordischen Folk, mit Johnny La Marama wandelt er auf den Pfaden eines eklektischen Powerjazz, und das ihn begleitende Klima-Kalima-Trio fetzt durch schroffes, grooviges Terrain. Dass sich der 36-Jährige Wahlpankower darüber hinaus auf die sehr viel luftigere Disziplin der Klangmalerei versteht, demonstriert er nun auf seiner ersten Solo-Einspielung Iris in Trance (La Lune). Sie verdankt sich einem Radiohörspiel, für das Kalima die Musik beigesteuert und sich erstmals auf die Rolle des Illustrators eingelassen hat. Acht Soundbilder sind in der Folge entstanden. Ihr Thema: das Sehen. Wobei das Titelstück ebenso wie „Orbiting The Black Hole“ oder „Looking For The Blind Spot“ von der Unmöglichkeit erzählt, das Wesentliche dieser Welt mit den Augen zu erfassen. Man braucht andere Sinne, um das rhythmische Flackern und wimmernde Leuchten von Kalimas Gitarre aufzunehmen. Der gefragte Instrumentalist und Sideman von Jimi Tenor scheint sich dabei in unsichtbaren Fallstricken zu verheddern, wenn er rätselhafte, stotternde Morsesignale in den kosmisch nachhallenden Klangraum funkt. Immer wieder spielt er melodische Miniaturen an, doch Songstrukturen, wie sie Bill Frisell oder David Grubbs bei ihren Alleingängen in die Loop-Maschinerie einspeisen, finden sich kaum. Die Orientierung ist dahin. Wie ein Blinder nach Dingen tastet, die ihm zerbrechen, greift Kalima nach etwas, das sich in Illusionen auflöst. Kai Müller

FOTOGRAFIE

Von Tschechien lernen

heißt genießen lernen

Der Appetit kommt beim Essen. Der Hunger nach den Originalen könnte bei der Fotoausstellung im Tschechischen Zentrum (Galerie Czech Point, Friedrichstraße 206, bis 13. Februar) nicht größer sein. Wie schmackhafte Architekturhappen präsentieren sich dort die Bauten des 20. Jahrhunderts, mit denen die Region Pardubice an der tschechisch-mährischen Grenze für sich wirbt. Mit seinen Fotografien öffnet Štepán Bartoš dabei ein weites Spektrum, das von den turmverzierten Villen des Historismus bis zur Sporthalle der Gegenwart reicht. Den Schwerpunkt bilden die Bauten des Jugendstils und der Moderne der zwanziger Jahre: darunter einzigartige Schätze wie der kubistische Kurpavillon (1912/ 13) in Lázne Bohdanec von Josef Gocár (1880–1945), einem der führenden Vertreter der tschechischen Moderne, der in der Nähe von Pardubice geboren wurde. Aber auch die Villen des Otto-Wagner- Schülers Jan Kotera sind zu sehen, der seinerseits Lehrer von Gocár war. Sie erweisen sich als zartfarbige Leckerbissen an der Schwelle vom Jugendstil zur Vorkriegsmoderne. Weitaus massiger sind dagegen die kubischen Bauten des Rationalismus wie das Stadttheater in Ústínad Orlicí (1930–35) von Kamil Roskot oder das faszinierend reduzierte Haus des Landwirtschaftsvereins (1935/38) von Karel Repa. Wer angesichts dessen mehr will, erhält mit der begleitenden Broschüre sogar einen Leitfaden für seinen architektonischen Hunger.Jürgen Tietz

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