Kultur : KURZ & KRITISCH

Knud Kohr

KABARETT

Terroristen

mit Flugangst

„Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ Das Publikum im ausverkauften Mehringhoftheater singt den alten Schlachtruf zu einer süßlichen Melodie. Der Mann, der es dazu gebracht hat, sitzt am Klavier und lächelt huldvoll. Marc-Uwe Kling, dessen neues Programm „Die Känguru- Chroniken“ Premiere feiert, ist 26 Jahre alt und hat den Saal unter Kontrolle (bis 31. 1.,tgl. 20 Uhr). Mit seinem schwarzen Hütchen sieht er ein bisschen aus wie Pete Doherty. Nur nüchtern. Wenn er Gitarre spielt, klingt er ein bisschen wie Fil. Nur dass er mehr zu sagen hat. Kling gilt als der Mann, der die politische Haltung zurück auf die Bühne geholt hat, ohne damit zu langweilen. „Ich google mich“ oder „Schlaftabletten (Stellt mich ruhig ruhig!)“ heißen seine kurzen, manchmal nur aus einem Riff und einer Zeile bestehenden Songs. Alle paar Minuten legt Kling die Instrumente aus der Hand und liest aus seinem neuen Buch, in dem er über den WG-Alltag mit einem kommunistischen Känguru berichtet. Ursprünglich kommt er aus der Berliner Lesebühnen-Szene und gründete 2004 die „Lesedüne“, der er noch immer angehört. Das Programm wird dadurch etwas sprunghaft. Doch spätestens wenn er verkündet: „Schulden sind wie Gott. Wenn man nicht daran glaubt, muss man sie nicht fürchten“, sind diese Schwächen vergessen. Vor uns steht ein Mann, der von den letzten Dingen weiß. Knud Kohr

KLASSIK

Von der Last

der Tradition

Ein bisschen muss man sich immer noch daran gewöhnen, dass die vier Musiker des Artemis Quartetts im Stehen spielen. Wie vier Fähnchen im Wind ragen ihre Notenständer in den Kammermusiksaal, und auch bei Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge selbst wird man das Gefühl nicht los, sie würden gleich wieder wegrennen. Jörg Widmanns erstes Streichquartett von 1997 zu Beginn aber erfordert volle Konzentration: Ein Stück über die Last der Tradition, über An- und Abwesenheiten von Klang. Unterschiedlich profilierte Motivinseln streben hier aufeinander zu, stoßen sich ab, befruchten sich mit Energie. Schön dramatisch in der Entwicklungskurve, wie immer bei Widmann, aber auch noch etwas brav.

Mozarts Klarinettenquintett im Anschluss (mit Widmann als Klarinettisten) mutet dagegen eher wie ein kleines Solokonzert an. So edelmütig wie verhalten, ja mager im Streichersound, so üppig sinnlich leuchtend in der Klarinette. Und auch Schuberts großem G-Dur-Quartett D 887 nach der Pause scheinen bei aller klugen Analyse seiner janusköpfigen Struktur doch Kraft, Dichte, Aura zu fehlen. So sehnsüchtig sich die Flageolettrufe des Kopfsatzes ins Leere bohren, so virtuos alle Traumgesichter und Gespenster durchs Andante huschen: Wovon diese Musik in ihren wahrhaft unhimmlischen Längen spricht, von Depression, Einsamkeit, Krankheit zum Tode hin, das wissen die jungen „Artemisianer“ bestenfalls auf dem Notenpapier. Enttäuschend. Dennoch zustimmender, lokalpatriotisch gefärbter Applaus. Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Klänge

aus Theresienstadt

Mendelssohn ist derzeit omnipräsent. Wenn nun selbst sein Name nicht ausreicht, um den Kleinen Saal des Konzerthauses mehr als nur dürftig zu füllen, dann liegt das wohl an der restlichen Programmauswahl von Vladimir Stoupel. Mit Komponisten wie Karol Rathaus, Zikmund Schul oder Szymon Laks ist diese gelinde gesagt unpopulär. Künstlerischer Starrsinn? Mendelssohns „Sonate écossaise“ bleibt an diesem Klavierabend jedenfalls präludierendes Kompromissangebot an den Kartenverkauf. Was dann folgt, ist ein wahrhaft faszinierendes Eintauchen in wenig bekannte jüdische Musik der 1920er bis 1940er Jahre. Mit bedrohlicher Intensität durchdringt Stoupel die Sonate Nr. 3 von Karol Rathaus. Alles ist getragen von Kontrasten zwischen Fortissimo-Ausbrüchen und lyrischem Versinken. Weit weg davon die nächste Station. Gideon Kleins Klaviersonate – 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt geschrieben – ist ein aufwühlendes Werk, in das der russische Pianist tief eindringt: Der bedrohlich-mechanische Schlusssatz schwillt zu einem angstvollen Inferno an. Fast erleichternd wirkt da Stoupels Interpretation von Szymon Laks'' „Ballade en l’honeur de Frédérick Chopin“. Ein neoromantisches lieto fine für diesen Abend, der immer ergreifende Entdeckung ist. Daniel Wixforth

LITERATUR

Einer ist

erleuchtet

Übermenschliches zu vollbringen ist ein uraltes Thema. Von Achilles bis Superman und „Matrix“ sind Spezialkräfte aber nicht nur Selbstzweck, sondern auch immer Fluidum übersinnlicher Erkenntnis. Der 25-jährige ukrainische Autor Ljubko Deresch, der seinen ersten Roman „Kult“ im Alter von 16 Jahren schrieb, greift es in Intent! Oder Die Spiegel des Todes mit einer literarischen Überzeugung und konstruktiven Verve auf, dass es eine Freude ist - weit jenseits juveniler Effekte (Ljubko Deresch: Intent! Oder Die Spiegel des Todes. Roman. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 318 Seiten, 12 €). Mit elf Jahren bemerkt Petro Pjatoschkin, dass er über ein außergewöhnliches Gedächtnis verfügt. Er kann sich alles merken. Mit der Zeit kann Petro diese Begabung „spirituell“ nutzen: für Reisen in andere Zeiten und Räume. Anvertrauen kann er sich kaum jemandem. Seine große Liebe verlässt ihn, weil sie ihm nicht folgen will. Kurz: Petro ist ein Mystiker. Doch Deresch rührt keinen New-Age- Brei an, sondern setzt literarisch um, was etwa der Tibetische Buddhismus behauptet: dass Meditation zu absonderlichen Fähigkeiten führen kann. Nach der enttäuschten Liebe pflegt der Held seine Großmutter, wechselt seine Identität und wird – Künstler. In die Kunst hat sich die über-rationale Erfahrung seit jeher zurückgezogen und ein Erfahrungsreservoir geschaffen. Ljubko Deresch ist eines jener Wunderkinder, deren quasi rabaukige Begabung noch stärker ist als die Geduld zur Ausformung. Genau das macht aber den anarcho-mystischen Charme dieser lebendigen Literatur aus. Für Abgeklärteres möge Ljubko Deresch, der möglicherweise Früherleuchtete, noch viel Zeit haben. Marius Meller

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