Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill Mahlke

KLASSIK

Die Seele

in der Pantomime

Höflich begrüßt der zierliche Herr im vollen grauen Haar jeden Musiker der ersten Streicherpulte einzeln, um in einem Augenblick der Kontemplation zu verharren, bevor sein Einsatz kommt. Dem Orchester seit über 40 Jahren vertraut, gehört Seiji Ozawa in die Geschichte der Berliner Philharmoniker. Er ist der sorgende, hegende Dirigent, ein Erbe Karajans, der sich mit schier altersloser Intensität in die Musik versenkt. Diesmal ist es die erste Symphonie Bruckners in der Linzer Fassung. Und die Interpretation breitet aus, dass es ein dämonischer Erstling ist, in dem sich der spätere Bruckner erst anbahnt. Mit manischen Steigerungen, Überraschungen von Kammermusik und einer Generalpause, die den Atem stocken lässt, weist sich das Ganze gleichsam als Vorform aus. Ozawa und das Orchester betonen diesen Effekt eines frischen Bruckner (noch einmal heute).

Die kultivierte Zurückhaltung, die Felix Mendelssohn Bartholdy nachgesagt wurde, gilt nicht für Musiker der Generation Lang Lang. Dieser phänomenale Pianist sucht in dem Komponisten die Seele. Als Auftakt der Philharmoniker-Aktivitäten zum Mendelssohn-Jahr spielt er in der Philharmonie das erste Klavierkonzert, und man kann sagen, dass er es lebt. Mit einer Pantomime der Innigkeit über den Tasten schwebend, singt die linke Hand zusammen mit der rechten. Obwohl es für Lang Lang kein technisches Problem gibt, macht er zum Thema, welche Virtuosität der Komponist/Pianist Mendelssohn meint. Klangverliebtheit, Manierismen, alles scheint erlaubt, weil die Musik mit jener Klarheit gewichtet wird, die sie verdient. Sybill Mahlke

KLASSIK

Die Nasen

in der Sonne

Wer dieser Tage Berliner Klassikkonzerte besuchen will, der hat es ungewohnt leicht, einen Sitzplatz zu ergattern. Egal, ob man kurz entschlossen die Philharmoniker mit Rattle, einen Liederabend mit Ben Heppner oder ein Sonatenprogramm mit der strahlenden Cellistin Sol Gabetta hören will: Karten sind reichlich zu haben, auch wenn man mit einer jahreszeitbedingten Geräuschbelastung durch explodierende Schniefnasen rechnen muss. Sol Gabetta ficht das nicht an, ebenso wenig wie der PR-Rummel um ihre Person und das Signieren von CD-Bergen. Die 27-jährige Argentinierin könnte keinen treffenderen Vornamen tragen: Wenn sie auftritt, geht im Kammermusiksaal die Sonne auf. Wach, voller Tatendrang, auch angriffslustig ist ihr Spiel, und ihr Leuchten wirft nicht nur ein mildes Licht auf die Musik. Auch das Schroffe und Schattige kennt Sol Gabetta. Diese Spannbreite macht sie zu einer idealen Interpretin von Beethovens später fünfter Sonate für Klavier und Cello, in der Zorn und Zartheit, Form und Fragment miteinander ringen. Allein, die Balance mit dem gleichberechtigten Klavierpart ist oft gestört. Henri Sigfridsson fokussiert seinen Klang zu wenig, bleibt ein Stück zu weich, zu langsam für Sol Gabetta. Ihr Cello klingt feinnervig und sehnig zugleich, leicht zu entflammen, schwer zu halten. Aus den Sonaten von Schostakowitsch und Franck zaubert sie großen Ernst jenseits der Bitternis – und erlaubt sich erst mit Ginasteras „Pampeana“ einen Hauch Breitwandsound. Ulrich Amling

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