Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ELEKTRO

Brennender

Benzinlappen

Zum Schluss also Dubstep, jener Musikstil, der seit einigen Jahren mit der einschüchternden Präsenz seiner Bässe die Clubs zerlegt, um 140 Bpm schnell ist und den Rhythmus mit einer leicht versetzten Bassdrum und tödlichen Snare auf die Hälfte der eigentlichen Geschwindigkeit drückt, wodurch eine seltsame Dynamik zwischen Downtempo-Style und Jungle-Hektik entsteht. Auch wenn das Zentrum dieser Musik nach wie vor in Bristol und London verortet ist, gibt es immer mehr Verknüpfungen in die Außenwelt. So auch zum Frühwerk von Stefan Betke alias Pole, der geholfen hat, für den Abschluss der Club Transmediale der Maria am Ostbahnhof ein Line-Up zusammenzustellen, das einige der besten Köpfe des Genres präsentiert. Natürlich lässt er es sich nicht nehmen, selbst mit einem Live-Set beim Boxentest mitzuwirken. Der Star des Abends ist aber Olli Jones alias Skream, der mit 21 Jahren bereits ein Veteran der Szene ist, der den klassischen 2-Step verstärkt zum Dub führte und vor drei Jahren mit „Midnight Request Line“ einen Hit losgetreten hat, der ihn weltberühmt machte. Ab zwei Uhr morgens wirft das blasse Wunderkind zusammen mit seinem schwarzen Kumpel Benga für mehrere Stunden die neuesten Dubstep-Sensationen wie einen brennenden Benzinlappen in das wildgewordene Publikum.

Fette Beats, dreckige Monsterbässe und fiepsende Synthie-Schwaden. Aus dem Brummen hervorzischende Hi-Hats, Überdrehungen und Pausen, in denen man nicht weiß, ob das Herz nun aussetzen oder schneller schlagen soll. Eine Musik, die vor allem vom Moment des Zuschlagens lebt. Dabei zeigt sich auch, wie offen und variantenreich Dubstep ist: R & B, Roots Reggae oder Acid House – hier steckt alles drin, bis die Klänge in unendlichen Hallräumen unter den Basswellen verschwinden und es sich anfühlt, als ob man im Treibsand versinken würde. Nicht gerade ideal zum Tanzen, aber das Publikum schüttelt alles, was es hat. Bis man am Sonntagmorgen ebenso taub wie glücklich von der Maria über den Ostbahnhof in die Panorama Bar pilgert, wo ab 12 Uhr noch ein After-Hour-Meeting stattfindet. Geschlafen wird am Montag. Volker Lüke

KLASSIK

Mit und

ohne Mähne

Die Erscheinung ist eindrucksvoll: Mit verdrehten Augen blickt der Solist Gautier Capuçon in Antonin Dvoráks Cellokonzert zur Saaldecke des Konzerthauses. Mit seiner Haarmähne ganz das gängige Bild vom Künstlergenius bedienend, spielt er innerlich auch dann mit, wenn er nicht dran ist, gibt sich in totaler Verzückung – oder sind es Schmerzen? – den Klängen hin und scheint, obwohl er ständig in Gouldscher Manier laut hörbar Luft einsaugt, das Atmen zu vergessen. Leider ist das, was der 28-jährige Franzose seinem Cello entlockt, nicht annähernd so aufmerksamkeitsheischend. Dünn und wattiert ist sein Spiel, ohne Präsenz. Sobald das Konzerthausorchester, dem man einen ebenbürtigen Partner gewünscht hätte, etwas lauter wird, hört man Capuçon nicht mehr. Einzelne Solisten, die nur wenige Takte zu spielen haben, hinterlassen einen stärkeren Eindruck. Die Balance stimmt nicht.

Und das ist schade, denn zu Beginn hat Marc Piollet, der an der Berliner Hochschule der Künste ausgebildete Franzose aus Paris, mit Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune gezeigt, wie organisch und doch äußerst definiert er mit diesem Orchester schwelgen kann. Nach der Pause bekommt er dazu noch einmal Gelegenheit in dem Konzert für Orchester, dass der todkranke Bartók 50 Jahre nach Dvorák ebenfalls in New York schrieb. Es wird ein Triumph: Expressive Streicher und kristallklare Bläser erwecken diese der Krankheit abgetrotzte Partitur zu hell leuchtendem, wilden Leben. Ein Fest des Hörens. Ohne Haarmähne. Udo Badelt

ROCK

Den Kummer

einfach wegrollen

Die Eagles Of Death Metal sind eine lustige Truppe. Das fängt schon beim Namen an, denn weder klingen sie nach Eagles, noch nach Death oder Metal. Erstmal Disco-Bläser-Funk-Intro vom Band zum Einmarsch der Band. Händeschütteln zu großem Getöse in der ersten Reihe. Rechts ein Bassist mit Schnauzbart und Hundefrisur, links ein Flying-V-Gitarrist mit Onassis-Brille und schmalem Haarstreifen auf spiegelblanker Glatze. Und in der Mitte, mit Pilotenbrille, Schnauzbart, Goldkettchen, Tätowierungen: Frontmann Jesse Hughes. Er drischt in die elektrische Maton-Gitarre, kräht in ein schickes Elvis-Mikro. Wüst und laut schwenken alle die Gitarren – Rock ’n’ Roll aus der Garage. Wilde Riffs und schnelles Gepunke erinnern an die New York Dolls, Heartbreakers, Seeds und die Stones. Rhythmische Huhu- Chöre und fröhliche Botschaften wie „it’s all easy“ und „keep dancing“.

Im ausverkauften Frannz-Club tanzt das Publikum wie wild und dampft schweres Nikotin in qualvoller Enge. Rhythmus, Melodie und harter Lärm gegen die Härten des Lebens. Den ganzen Kummer wegrollen. In schwerer Lebenskrise, nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, hat Jesse zusammen mit seinem alten Schulfreund Josh Homme die Band gegründet. Der Kummer verflog, die Band blieb. Homme allerdings, der auch Frontmann der Queens Of The Stone Age ist, sitzt heute nicht am Schlagzeug. In die Trommeln hämmert ein schwer Tätowierter. Schade, dass sie etwas schlampig spielen, zu viele falsche Töne und Akkorde zwischendrin. Wenn auch der Dampf nicht nachlässt und „Stuck In The Middle“ von Stealer’s Wheel lustig umgedeutet wird zu „Stuck In The Metal“, war es nach 70 Minuten mehr eine schöne Party als ein gutes Konzert. H. P. Daniels

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