Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Spiel um

Platz drei

Mendelssohn als großes Finale des Konzertabends? Keine innovative Dramaturgie, nicht in diesen Tagen. Tatsächlich ergibt die Ehrenstellung im Konzert des Ensembles Leipzig-Berlin aber auch innermusikalisch Sinn. Auf dem Programm im Kammermusiksaal der Philharmonie drei Streichoktette – eine Gattung, die Mendelssohn mit seinem Es-Dur-Werk 1825 nicht nur erschaffen, sondern auch bis heute am Leben gehalten hat.

Vor dem Finale jedoch die Vorrunde. Die Musiker um Thomas Timm, sonst Stimmführer der 2. Geigen bei den Philharmonikern, haben dafür Niels Wilhelm Gades Oktett von 1848 gewählt. Sie präsentieren im Allegro einen sehr geschlossenen Klang, der jedoch bisweilen auf die Kosten von Transparenz geht. Erst im dritten Satz und im Finale gelingt es, die Brücke zwischen Individualität und Homophonie – die wohl größte Herausforderung dieser Gattung – überzeugend zu bauen. Bereits mit Schostakowitschs Zwei Stücken für Streichoktett Op. 11 zerstört das Ensemble die eigene Dramaturgie: Hier ertönt das wahre Finale dieses Abends! Gleich zu Beginn eine Begegnung mit fiebrigen Farben, die die werkeigene Instabilität von Harmonik und Melodik fabelhaft spiegeln. Nervöse Glissandi und fragmentarische Themen wühlen im Scherzo auf, reißen schaurig-reale Wunden in die Überreste von Gades Klangglätte. Mendelssohns opus primum kann danach nur noch zu einem Spiel um Platz drei werden. Erstaunlich, wie das Oktett auch hier einen spezifischen Sound findet, der die orchestrale Tonsetzung faszinierend-verstehbar zum Ausdruck bringt. Daniel Wixforth

NEUE MUSIK

In die Tischkante

gebissen

Musik hat ihren Stil, Komponisten haben ihren Habitus. Und im Falle vieler Komponisten aus der DDR fällt beides oft in eigentümlicher Weise zusammen. Typische Gesten finden hier in der Musik auffallende Entsprechungen. Wie beim für den 1995 verstorbenen Reiner Bredemeyer veranstalteten Gedenkkonzert im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses zu beobachten war. Das wurde nämlich von Steffen Schleiermacher, der Bredemeyer als junger Musiker in Leipzig kennenlernte, präsentiert. Und der gestaltet seine Moderation geradezu zu einer sprachlich-pantomimischen Umsetzung der Musik Bredemeyers. Es ist diese in inszenierte Verlegenheit gehüllte Widerständigkeit, dieses Staccato der Gesten und Sprachbetonungen, die aus jahrelangem Kampf um Freiraum in der streng staatskontrollierten Musikszene der DDR hervorgegangen ist. Schleiermacher beherrscht dieses Verschmitzt-Eigensinnige meisterlich, man weiß bei ihm kaum, wo die Musik aufhört und seine Moderation beginnt. Bredemeyers Stücke – außer Klavierwerken gab es noch Lieder und Kompositionen mit Schlagzeug – klingen denn auch, als ob jemand heftig in eine Tischkante beißt, dann überraschend etwas witzelt, verlegen zur Decke schaut und mit kleinen Variationen von vorne beginnt. Auch wenn Bredemeyer sicher kein bedeutender Komponist war: Manche seiner Werke, beispielsweise sein Klavierstück Nr. 3 mit eingebauten Mitsing- und Grunz effekten, sind in ihrer gestischen Intensität frappierend. Und guten Anschauungsunterricht für ostdeutsche Mentalitätsgeschichte bietet dieser Komponist allemal. Ulrich Pollmann

DESIGN

Es liegt

in der Luft

Vom „großen Kampf um neue Lebensformen“ sprach Ludwig Mies van der Rohe 1927. Als deren künstlerischer Leiter eröffnete er im Sommer die Stuttgarter Weißenhofsiedlung, damals heftig kritisiert, heute als Meilenstein der modernen Architektur anerkannt. Mies selbst steuerte das größte Gebäude bei, einen Geschosswohnungsbau, der auch eine Musterwohnung enthielt. Fotos zeigen darin einen „Freischwinger“, einen hinterbeinlosen Sessel – etwas, das gewissermaßen in der Luft lag, denn der Holländer Mart Stam zeigte in seinen Reihenhäusern ebensolche Entwürfe wie der junge Marcel Breuer im Haus von Walter Gropius. Mies fühlte sich herausgefordert. Sein Stuhl, erst in zweiter Version durch Armlehnen ergänzt, entstand spontan, wie Zeichnungen belegen. Der Stahlrohrsessel „MR20“ wird nach wie vor hergestellt. Meist jedoch wird mit Mies als Möbelentwerfer der „Barcelona- Sessel“ von 1929 in Verbindung gebracht, jenes leder gepolsterte Edelstahlmodell, das bis heute zahlreiche Foyers und Lobbys schmückt.

Über Mies’ Tätigkeit als Möbelgestalter ist erstaunlich wenig bekannt, noch weniger über sein Berliner Atelier. Überhaupt ist die fotografische Dokumentation dürftig. Diesen drei Aspekten widmete sich ein Symposium der Henry van de Velde Gesellschaft in Hagen, dessen Ergebnisse jetzt in einem opulenten Buch vorliegen: „Mies und das Neue Wohnen“ (Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2008. 288 S., 373 Abb., 49,80 €). Alle Geheimnisse vermag es nicht zu lüften. So lässt sich die Zusammenarbeit mit der später von Mies geradezu verstoßenen Lilly Reich noch immer nicht in allen Einzelheiten aufklären.

Am besten dokumentiert, wie sollte es anders sein, ist Mies’ Barcelona-Pavillon, immerhin der offizielle Beitrag des Deutschen Reiches zur Weltausstellung in Barcelona 1929. Seit der temporäre Pavillon 1987 originalgetreu wiedererrichtet wurde, haben zahllose Besucher das sorgfältig austarierte Arrangement von Räumen, Möblierung und Wasserbecken gesehen. Und die Perfektion dieses Gesamtkunstwerks erspürt. Bernhard Schulz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben