Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel
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Umbilical Brothers

KLASSIK

Ein Fest

für Felix

Hoch festlich, sehr repräsentativ gibt sich das Konzert zum 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy, das die Staatskapelle unter Daniel Barenboim ausrichtet. Auf den Balkonen der Staatsoper so dichte Menschentrauben, dass man fürchten muss, sie werden gleich herunterbrechen, im Parkett dunkle Anzüge, gediegener Schmuck und Sicherheitsleute. Auch an diesem Abend ist der Nahostkonflikt präsent; nach dem Konzert wird Barenboim die Moses-Mendelssohn-Medaille 2009 für sein Engagement in der Region empfangen. Das Konzertprogramm aber führt natürlich nur Werke von Mendelssohn Bartholdy. Zuerst die affektstarke Ouvertüre zu Victor Hugos Schauspiel „Ruy Blas“, gemessen in der Bläsergruppe anhebend, alsbald jugendlich daherstürmend. Dann das Violinkonzert e-Moll, für den Solisten Nikolaj Znaider Gelegenheit, Kraft zu zeigen, Sehnigkeit, eine Spannung in der Tongebung, die an jener Süße, die dem ersten Satz so oft beigegeben wird, gänzlich vorbeizielt.

Im dritten Satz klappert es zwischen Solist und Orchester, doch mag das sozusagen niemand wahrnehmen – von Anfang an steht dieser Abend unter dem Stern der Festtagsfreude, einer Energie, die vor allem von Barenboim ausgeht und die sich auf das Orchester überträgt. Die Unruhe freilich, die dazugehört, lässt noch im zweiten Satz des Violinkonzerts nicht nach, sie durchzieht das Andante con moto der Italienischen Symphonie mit seinem Klopfgang in den Kontrabässen und fällt erst mit ihrem Finale, dem quicklebendigen Saltarello, günstig zusammen: Hier erst passt sich der Abend der Musik wirklich ein. Christiane Tewinkel

KABARETT

Ich schreie

nicht!

Wer noch immer nicht wusste, was einen Film am Ende wirklich glaubhaft macht – nach der Show der Umbilical Brothers im Tipi weiß man es: Es sind die Geräuscheffekte. Die Kunst der kleinen Laute, die dafür sorgen, dass eine Biene wirklich summt, ein Wasser tatsächlich gluckert, die Kiesel unter den Schuhsohlen knirschen. Shane Dundas beherrscht diese Fähigkeit meisterlich. Zu den pantomimischen Bewegungen seines Partners David Collins entlockt er seinem Mikrofon die unglaublichsten Klänge, klatscht, zupft, schnalzt, rattert und zwitschert allein mit der Kraft seiner Zunge. In perfekter Koordination erzählt das australische Komikerduo, das erstmals in Deutschland zu sehen ist (bis 15. 2., Di–Sa 20, So 19 Uhr), kleine, häufig völlig sinnfreie Geschichten. Besonders Collins hat einen ausgeprägten Hang zum performativen Humor, der sich im Augenblick des Äußerns schon selbst widerspricht, etwa wenn er Dundas anschreit mit den Worten „I am not talking to you!“. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn Dundas den Terminator gibt. So österreichisch zieht nicht mal Schwarzenegger die Vokale in die Länge.

Was der Show, deren Englisch gut zu verstehen ist, jedoch fehlt, ist Musik. Zwar nimmt sie mit diversen Breakdance- oder Steptanzeinlagen musikalischen Charakter an. Aber ohne richtige Songs bleibt sie auf Dauer eindimensional. Das aber auf hohem Niveau. Udo Badelt

POP

Rettet

den Wal

Nachdem Gitarrist Oliver Stotz wegen unmittelbar bevorstehender Vaterschaft absagen musste, bleibt nur Elise Mory, um die Sängerin Eva Jantschitsch beim Auftritt von Gustav in der Volksbühne zu unterstützen. Besser also gleich den Blues „Happy Birthday“ anstimmen, dessen Textzeile „Das Leben ist kein Wunschkonzert“ geeignet scheint, die Erwartungen zu dämpfen. Was überflüssig ist, denn der Charme der Darbietung liegt im verletzlichen, zugleich scharfzüngigen Gesang von Jantschitsch, die unerschrocken gegen stramme Elektrobeats und Elise Morys perlende Pianoläufe anträllert.

Dass ihre Stimme kaum voluminös wirkt, ist der Wirkung ihrer zwischen ätzender Gesellschaftskritik und scheinnaiven Ökotopia-Szenarien lavierenden Lieder zuträglich. Sie tschilpt den fatalistischen „Abgesang“, zerpflückt in „Neulich im Kanal“ die Menschenverachtung des TV- Voyeurismus und gibt ihr Herzblut für „Alles renkt sich wieder ein“. Den malmenden Antikriegs-Big-Beat bei „Soldatin oder Veteran“ würde man gern mal von einer zehnköpfigen Live-Band hören, aber Jantschitschs an die Achtziger-Heldin Anne Clark erinnernde Performance ist auch nicht übel. Zum Schluss bringt die Wiener Band ihren Indie-Hit „Rettet die Wale“: schäumende Pianogischt über Südsee-Sehnsucht, wunderschön. Nach anderthalb Stunden erklatscht das Publikum eine Zugabe: das vom gleichnamigen Protestsong-Klassiker inspirierte „We shall overcome“. Form und Inhalt präzise auf den Punkt gebracht. Jörg Wunder

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