Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Gratwanderung zum Sieg

Ein Wagner-Tenor und Liedgesang? Der Siegfried in Rattles aktuellem „Ring“ in Aix-en-Provence, der sein Herz für Klopstock entdeckt? Warum nicht. Das ist das Wesentliche, das berührt, wenn Ben Heppner einen Liederabend mit Schubert und Strauss beginnt. Er weiß, dass seine Heldenstimme sich nur schwer der intimen Form beugt: „O wie schön ist deine Welt.“ Aber er fügt das Kleinod in eine Schubertgruppe ein, die mit Klopstock „Dem Unendlichen“ gewidmet ist, Lobgesänge also. Heppner gestaltet, auch wo ihm die Linie wegbricht, die Texte mit Klarheit und durchaus persönlicher Differenzierung. In seiner Gratwanderung mit dem Lied zeigt sich das Wesen des Musikers. Spannend ist das Konzert im Kammermusiksaal, weil der Interpret souverän mit vielem jongliert, je mehr die Stimme aufblüht. Aus Straussliedern schimmert der Bacchus der Oper, mit Benjamin Britten erwacht die Ära Peter Pears. Als Heppner zum Trinklied von Verdi das Weinglas hebt, sind die Fans schon trunken vor Glück. Versiert geht der Pianist Thomas Muraco mit dem Sänger quasi über Stock und Stein. „Winterstürme“ kommen als Zugabe nicht unerwartet, wohl aber das alte britische Weltkriegslied „Roses of Picardy“, eine sängerische Meisterleistung aus Innigkeit und Diskretion. Sybill Mahlke

KLASSIK

Kopflos in Bremen

Das deutsche Kunstlied ist eine Männerdomäne. Mit Robert Schumanns Liederzyklus „Frauenliebe und -leben“, op. 42, existiert nur ein einziges Werk, das für Frauenstimme geschrieben wurde. Im Ballhaus Ost erfährt es jetzt neue Prominenz. Das junge Theaterteam um den „Hanns Eisler“-Regieabsolventen Johannes Müller schätzt Schumanns Klänge zwar sehr (Klavier: Armin Pommeranz). Mit der Geschichte der treuen Frau, die der Zyklus erzählt, können heutige Theatermacher jedoch nichts mehr anfangen. Sie kontrastieren sie in Frauenliebe, Inc. mit zwei gänzlich anderen Frauenentwürfen: Dem der Massenmörderin Gesche Gottfried, die 15 Verwandte mit Gift umbrachte und 1831, im Erscheinungsjahr von Chamissos Frauenliebe-Gedichten, in Bremen enthauptet wurde. Und dem von Martha Steward, die in den USA ein Imperium aus Magazinen und Fernsehshows für Hausfrauen errichtete. Kirsten Burger, die ihr Lächeln an- und ausschalten kann, und Armin Dallapiccola sind eindrucksvolle Darsteller. Die Erzählstränge der drei Frauen verweben sich jedoch nicht ineinander. Weniger ist manchmal mehr. Denn Denise Schönefeld, 1. Preisträgerin im Bundeswettbewerb Gesang 2008, hat einen schönen metallenen Sopran, der in der Höhe immer strahlender wird. Sie zu hören ist bereits ein Erlebnis (wieder am 11., 12. und 13. Februar). Udo Badelt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben