Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

POP

Kuscheln

mit Schotten

Puh, sind die nett. Mit tadellosen Manieren stehen Travis im ausverkauften Huxley‘s und verrichten solide ihren Job. Ohne Starallüren und Eitelkeit – sieht man von den pflichtschuldigen Gitarrenheldenposen Andy Dunlops ab. Sänger Fran Healy, der seit einer Weile in Berlin lebt, ist fast schon penetrant sympathisch. Ständig bedankt er sich, bittet die Ordner um Toleranz gegenüber den Handy-Amateurfilmern und betont, wie prima es gerade hier und jetzt für alle ist. Sein mit Hand auf dem Herz geradebrechtes „Meine Heimat: Berlin!“ hat mehr Street Credibility als das Gesamtwerk von Sido. Leider ist dies ein Rockkonzert, und alles, was man an Emotionen oder Ekstase erhoffen könnte, wird im Schmusesound der vier Schotten glattgebügelt. Da reiht sich Kuschelhit an Kuschelhit, gehen die immer ähnlicher klingenden Melodiebögen irgendwann zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Die passive Wohlfühlstimmung überträgt sich auf‘s Publikum, dass nach 70 Minuten fast vergisst, eine Zugabe zu erklatschen. Travis kommen trotzdem brav zurück und retten das Konzert mit einem gelungenen Schlussspurt. „Selfish Jean“ ist das beste Stück, das sie je geschrieben haben, weil es einen der effizientesten Beats der Popgeschichte klaut: den des Motown-Klassikers „You can‘t hurry Love“. Davon aus dem Halbschlaf gerissen, lässt sich die Menge bei „Why does it always rain on me?“ zu einem von Healy choreografierten Kollektivhüpfen animieren. In diesem Verbrüderungsmoment entladen sich alle Emotionen, die man zuvor vermisst hat. Jörg Wunder

KLASSIK

Heißes Herz

der Jugend

Die Geschichte von Yoel Gamzou ist die eines Menschen, der seiner Bestimmung folgt und sich durch nichts aufhalten lässt. Im Alter von sieben Jahren entdeckte er, dass er Dirigent sind würde, sein müsste. Jetzt ist Gamzou 22, hat sein eigenes Orchester gegründet und dirigiert es, bis die großen Klangkörper der Welt ihn einladen. Das International Mahler Orchestra ist nach Gamzous Idol benannt, der einst ein umstrittener Komponist, aber unbestritten der größte Dirigent seiner Zeit war. Um den jungen Dirigenten zu verstehen, muss man sich auch daran erinnern, wie man selbst war, mit 22. Das mag ein Grund für Emmanuel Pahud gewesen sein, ohne Honorar im Kammermusiksaal Nielsens Flötenkonzert und Debussys „L’après-midi d’un faune“ unter Gamzou zu spielen. Mit 22 wurde Pahud Soloflötist der Berliner Philharmoniker und zu einem Weltstar seines Instruments. Jetzt steht er gereift und erfahren neben seinem Dirigenten, der beinahe vom Podest fällt vor ungelenker Passion. Darunter leidet auch seine Interpretation von Schuberts Fünfter, die nicht zum Tanzen kommen will. Doch wegen schöner Gesten ist Gamzou nicht in den Frack gestiegen, er ist kein Dirigentendarsteller, ihn drängt es zum heißen Herzen der Musik. Vor allem natürlich bei Mahler, dessen Finale der 9. Symphonie Gamzou für Kammerorchester arrangiert hat, um es mit seinem Orchester spielen zu können. Die Streicher pumpen sich wacker auf vierfaches Volumen auf, denn ihr Dirigent denkt in Dimensionen, die größer sind als sein Orchester. Durch den Überdruck verflüchtigen sich Nuancen, doch eines senkt sich den Zuhörern ins Herz: eine erschütternde Ernsthaftigkeit. Ulrich Amling

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