Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H.P. DanielsD

POP

Hüpfburg

für Dreadlocks

Dudelsackintro, Getöse und Bühnenqualm. Eine Fiddle und gleich Dampf von der kompletten Band auf der kleinen Bühne im Kato. The Levellers aus Brighton spielen diese fetzige Mischung aus keltischem Folkeinschlag, aus Jigs und Reels und Rock und Roll seit zwanzig Jahren. Jahre, die man der Band ansieht wie ihrem Equipment. Verstärker und Boxen, schwer angenagt von endlosen Touren durch kleine Rockschuppen und zu gigantischen Festivals. Wo gehackte elektrische Clash-Staccato-Gitarren anklingen im freundlich melodischen Folkpunk. Thunderbird-Bassist Jeremy Cunningham wirbelt wie angestochen vor seinem Verstärker herum und schleudert die bis zum Gürtel reichenden Dreadlocks peitschend um den Kopf. Sänger und Gitarrist Mark Chadwick, etwas aufgedunsen inzwischen, schafft es, wieder hinauszuwachsen über die Routine des Runtersingens unzähliger Publikumserfreuer und bringt noch eine Menge Kraft und Energie in die melodiösen Anarcho-Hymnen. Es sind hauptsächlich zwei Arten von Songs: hymnische Mitsing-Melodien, zu denen die Fans rebellisch geballte Fäuste rhythmisch in die Luft boxen. Oder jene rasanten Volks-Punk-Kracher, die das gesamte Auditorium in eine lustige Hüpfburg verwandeln. Simon Friend, der wie ein freundlich verkiffter Hippie wirkt, mit langen Locken, Wollmütze und blondem Vollbart, spielt dazu versiert elektrische und akustische Gitarren, Mandoline und Harmonika. Charlie Heather trommelt mit präziser Kraft. Nach dem rührenden Antikriegssong „Another Man’s Cause“ wird es dann noch einmal röhrend und wild. H.P. Daniels

KLASSIK

Die Kunst des

Zeichengebens

Wozu dient ein Dirigent? Wann muss er Zeichengeber sein? Wann Moderator? Wann Verhinderer von Unfällen, Animateur und gar Musikdarsteller? Die Finalisten des Deutschen Dirigentenpreises gaben selbst noch im Abschlusskonzert im Berliner Konzerthaus ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Und dass als Gewinner am Ende der 1974 geborene Simon Gaudenz feststand, ist auch darauf zurückzuführen, dass er die Aufgabe richtig einschätzte, wie das ohnehin hochmotivierte, hochgespannte Konzerthausorchester durch ein sattsam bekanntes Stück wie Strawinskis „Feuervogel“-Suite zu führen sei. Gaudenz gab nicht so viele Zeichen wie möglich, sondern ließ die organisatorischen Zügel locker zugunsten der gestalterischen. Shi-Yeon Sung dagegen zeigte bei Tschaikowskis „Romeo-und-Julia“-Ouvertüre auch noch den letzten Beckenschlag und damit eindeutig zu viel. Hochachtung ist dennoch am Platz: Dirigenten sind auch Vermittler von genuin abendländischen Kultur- und Geschmackswerten gegenüber Orchester und Publikum. Eine Koreanerin, die auf dieser Ebene dermaßen souverän agiert, besitzt seismografisches Einfühlungsvermögen. Ohnehin sind die drei Finalisten – der dritte war der neue Gelsenkirchener Chefdirigent Rasmus Baumann mit einem leicht durchhängenden Strausschen „Till Eulenspiegel“ – längst entdeckt. An der Leistung eines einzigen Abends darf ihre Karriere nicht hängen, und die Jury des Dirigentenpreises tut klug daran, die Kandidaten über zwei Jahre in Proben und Konzerten zu beobachten. Sehr verantwortlich trug das Konzerthausorchester zur Entscheidungsfindung bei, als es, vom Juryvorsitzenden Lothar Zagrosek gebrieft, an diesem Abend „genauso spielte, wie es dirigiert worden war.“ Matthias Nöther

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