Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Isabel Herzfeld

NEUE MUSIK

Öfter hören

hilft immer

„Ich fühle luft von anderem planeten” – Anna Prohaska, begleitet von Solisten des Deutschen Symphonieorchesters, singt die berühmten Worte aus Schönbergs 2. Streichquartett mit schwebend leichtem Sopran, steigert sich in rauschhafte Ekstasen. Doch letzte Tiefgründigkeit gibt sie ihnen nicht. Denn Schönberg vollzieht hier nicht nur den musikalischen Jahrhundertschritt der Loslösung von der Tonalität, sondern meint existenzielle Grenzüberschreitung. Besser passen zur jungen, schon mit allen Wassern der Moderne gewaschenen Sopranistin die „Herzgewächse“ op. 20, deren leichtmanierierten „Jugendstil“-Ton sie wunderbar trifft, eingebettet in den Klangreiz von Harmonium, Harfe und Celesta.

100 Jahre Atonalität sind nicht nur für Metzmachers DSO faszinierendes Signum der Moderne, die unter dem Motto Aufbruch 1909 in dieser Saison immer wieder beschworen wird. Auch die gleichnamige Tagung des Staatlichen Instituts für Musikforschung hätte diesen Aufbruch zu faszinierendem Leben erwecken können. Da im Projekt „Geschichte der Musiktheorie“ der Band „20. Jahrhundert“ noch nicht erschienen ist, verhandelten hier verdiente Lehrstuhlinhaber neuere, vornehmlich amerikanische Theorien der „pitch-class-set“-Systeme, Tonfeldanalysen und Transformationalen Methoden. Einzig Rudolf Stephan, Doyen der Schönberg-Forschung, konnte verdeutlichen, welch bahnbrechende Leistung stattfand – nicht aus theoretischem Kalkül, sondern innerem Zwang heraus. Ulrich Mosch von der Paul Sacher-Stiftung Basel gab Tipps zum Hören der bis heute angefeindeten Klänge: Öfter hilft immer! Denn Wahrnehmungsfähigkeit ist, entgegen verbreiteten Vorurteilen, nicht begrenzt. In einem letzten Konzert führte die Sopranistin Eva Nievergelt mit ihrem Klavierpartner Tomas Bächli vor, welch vielfältige Wege der Atonalität abseits der zweiten Wiener Schule etwa von Josef Matthias Hauer, Nikolaj Obouchov oder Philip Herschkowitz beschritten wurden. Isabel Herzfeld

KLASSIK

Wenn alte Gefühle

zu lodern beginnen

Ein Treffen mit dem Ex ist immer irgendwie aufgeladen. Besonders dann, wenn es in der aktuellen Beziehung hier und dort zu kriseln scheint. Leicht kann da jede vertraute Geste, jeder schöne Ton in alle Richtungen interpretiert werden. Und mit schönen Tönen geizt das Deutsche Symphonieorchester wahrlich nicht bei der Begegnung mit seinem ehemaligen Chef Kent Nagano. Zunächst aber, so als solle niemand in der Philharmonie von Gefühlen auf falsche Fährten gelockt werden, präsentiert Nagano Schuberts Dritte vollends akademisch. Bis ins kleinste Detail legt er die Form frei, fordert vom DSO messerscharfe Exaktheit. Den klassischen Schubert will Nagano zeigen; den, der sich (noch) nicht traut aus dem übergroßen Schatten Beethovens rauszutreten. Und die Musik gibt ihm recht! Auch wenn manches – besonders im Menuett – etwas steif wirkt, verliert diese neugierige Trockenheit, kombiniert mit einem wunderbar transparent spielenden DSO, nie ihren Reiz.

Andere Klänge bei Schumanns Konzertstück für vier Hörner: Schallend extrovertiert geben sich die Horn-Solisten des DSO im ersten und dritten Satz, um sich dazwischen in der Romanze butterweich in das orchestrale Kollektiv einzufügen. Ein Spiel zwischen Anschmiegen und Rebellieren, in dem das Quartett allzeit so homogen wie ein einziges, vierstimmiges Instrument klingt. Bleibt zum endgültigen Aufflammen alter Gefühle Mendelssohns Schottische Symphonie. Und tatsächlich, hier brennt alles: Egal ob im Kopfsatz, wenn das Orchester das Hauptthema mit aller gebotenen Fragilität behandelt, oder im Finale, wenn Nagano so fabelhaft bedacht zum Innehalten auffordert, bevor der Schluss-Hymnus im Tutti explodieren darf. Glücklich, wer hier den Augenblick genießt – töricht, wer ihn verschwendet um eine alte Beziehung gegen eine aktuelle auszuspielen. Daniel Wixforth

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