Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Spukende Chinesen

Ein Alterswerk, ein Meisterwerk – Fontanes Roman Effi Briest von 1895 begeisterte Thomas Mann besonders durch seinen „Tonfall-Zauber“ und die „hohe Anmut der Führung und Stilisierung“. Rainer Behrend, der jetzt bei den Vaganten eine eigene Bühnenfassung des Romans zur Aufführung brachte, versucht diesem Zauber gerecht zu werden (wieder heute, 20 Uhr). Mit Erfolg, denn der Regisseur meidet selbstherrliche Eingriffe und Deutungsversuche. Er bewahrt den Fluss der Erzählung, gibt ihr durch behutsame Überblendungstechnik von Figuren und Zeitabläufen szenische Struktur.

In einem abgedunkelten, Weite atmenden Raum genügen vier Gartenstühle und die Schaukel, um Effis Geschichte zu erzählen (Bühne, Kostüme: Olga Lunow). Behrend vertraut der Magie des Wortes in Bericht, Erzählung, Dialog, nichts drängt nach außen, die Vorgänge sind konzentriert, leben aus ihrer inneren Zwangsläufigkeit. Allein die Geschichte um den spukenden Chinesen ist weitergedacht – der Fremde, nun körperlich auftretend, wird zur Metapher für Verführung, Abenteuer, Freiheit, Todessehnsucht. Ruhe und Nachdenklichkeit herrschen, und umso aufrührender ist es, wie die Darsteller plötzliche Einbrüche von Irritationen in das von der Konvention Vorgegebene zeigen – Blitzschläge in ein festgefügtes System. Joanna Castelli bringt eine Effi auf die Bühne, deren Munterkeit und Trotz von Anfang an eine ahnungsvolle Hülle bilden, Otto Strecker gibt dem Baron von In stetten nicht nur das Hölzerne des preußischen Beamten, sondern auch innere Unruhe und Verstörtheit. Eine gefährliche Jovialität zelebriert Rainer Reiners als Briest. Eine Aufführung, mit der die Vaganten ihren 60. Geburtstag selbstbewusst begehen dürfen. Christoph Funke

KLASSIK

Dichtender Ritter

Lieder entspringen einer Dichtung, der „Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von der Provence“. Sie ist als Traum eines Jünglings aufgeschrieben von Ludwig Tieck, mit Romanzen darin, die Brahms vertont hat. Drei Künstlern gelingt es, das Publikum im Kammermusiksaal in jene romantische Märchenwelt zu versetzen, die sich dem frühen Mittelalter verdankt. Bezwingend vor allem die Konzentration: Matthias Goerne stellt den Ritter dar, der die Prinzessin gewinnt, verliert und wundersam zurückgewinnt. Der Sänger identifiziert sich leidenschaftlich mit dem Schwur: „Bleib ich ihr ferne, sterb ich gerne.“ Das tut Brahms auch, weil ihm die Leichtigkeit der Dichtung ferner liegt. Goernes berühmter Bariton ist seltsam monochrom geworden und der Text schwer verständlich. Das Arpeggieren des Pianisten Andreas Haefliger betont, dass es sich nicht um hohe Lyrik, sondern um Gesänge zur Laute handelt. Am schönsten gelingen Goerne die nachdenklichen Momente, meisterhaft die Wärme des langsamen Pianoliedes „Ruhe Süßliebchen“.

Ulrich Matthes liest das Märchen, und der moderne, klare Ton seiner Sprache mit den unverwechselbar klingenden Vokalen zielt auf die Wesenswahrheit der Dichtung: der „überaus schöne und herrliche“ Grafensohn, ein Schiff, „das mit Mohren und Heiden besetzt war“, die holdselige Königstochter und ihre „lilienweiße Hand“. So könnte ein mittelalterlicher Spielmann singen, ausgestattet mit der Ironie der Romantik. Sybill Mahlke

JAZZ

Farbspritzender Dichter

Der Brooklyner Dichter Steve Dalachinsky hat gerade ein Buch veröffentlicht, in dem er beschreibt, „wie ich achtzehn Jahre damit verbrachte, in die Konzerte von Matthew Shipp zu gehen“. Seitdem inspiriert ihn der scheue Pianist mit der großen Brille zu Gedichten. Und auch wenn für Shipp der kommerzielle Erfolg bisher ausblieb, ist das A-Trane an diesem Abend dicht besetzt. Die Musik wirkt wie ein gerade entstehendes Bild von Jackson Pollock. Die Töne prallen wie Farbspritzer auf die Leinwand. Ein atemloses Herumgehen mit Farbtuben. Eine Aneinanderreihung skizzenhafter Motive, ein Kreisen aus Tonfarben und zerlaufenden Melodielinien.

Der 48-jährige Matthew Shipp gilt als der große Düstere unter den Avantgardisten, der mit abstrakten Clustern und sich wiederholenden Motiven monumentale Klangskulpturen erstellt. Nach sechzehn Jahren als Pianist des „Power Quartetts“ von David S. Ware und im Trio mit William Parker und Gerald Cleaver hat er vor einigen Jahren mit Joe Morris und Whit Dickey sein „New Trio“ geformt. Im Gegensatz zu den fast sakralen Klangwerken früherer Aufnahmen, zeigt Shipp jetzt eine irritierende Offenheit gegenüber der Melodie bei immer wieder zerbrechenden Harmonien. Es ist dieses Werkstatthafte, das herausfordert. Ein Zerreißen der gerade bemalten Leinwand. Und es ist das Abbröckeln der getrockneten Farbe mit den einzelnen Fäden dazwischen, die die darunterliegende Struktur sichtbar werden lässt. Maxi Sickert

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