Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-MatweyD

KLASSIK

Herrliche Linke

Zwei Romantiker und Selbstmörder, zwei verkannte Komponisten mit Hang zur Verflüssigung der musikalischen Struktur – schon steht die Dramaturgie: Robert Schumann & Bernd Alois Zimmermann im Doppelporträt. So recht will sich die angestrengte Doppelgesichtigkeit diesmal in der Philharmonie allerdings nicht erfüllen. Nach Zimmermanns grandioser, kraterweise leuchtender, Herzen lüftender „Sinfonie in einem Satz“ fasst sich Schumanns Vierte (in der aufregenderen Erstfassung von 1841) fast vorklassisch an. Jedenfalls so, wie Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker sie verstehen, als Exzerpt einer manisch-mäandernden Seele, mal vor Beethoven sich fürchtend, mal den „Freischütz“ simulierend. Von Rattle wundersam feinmaschig gestrickt: die diffizilen Übergänge im Scherzo. Und Schumann auch vor der Pause. Mit einem glänzend gelaunten, aber etwas ungefähr dargebotenen Konzertstück für vier Hörner (Radek Baborak, Stefan Dohr, Stefan de Leval Jezierski, Sarah Willis) – und mit Mitsuko Uchidas hoch ekstatischer, spitzfingriger Version des Klavierkonzerts. Eine herrliche Linke hat sie im Piano, das meditative Gründeln liegt ihr, und genau wissen will sie es auch („keine Passagen!“, forderte schon Clara Schumann). Wo freilich Kraft und Bauch zum Legato fehlen, wo alle Virtuosität im Kopf zerlegt wird, da fängt so mancher falsche Ton plötzlich an zu stören. Und der Dialog mit dem Orchester wirkt arabesk und künstlich. Christine Lemke-Matwey

ROCK

Blöder roter Teppich

„Roit, oim Eric!“ sagt der struppige Typ, während er sich eine rote „Guild Starfire“-Gitarre umhängt. Das ist Eric Goulden, Wreckless Eric, der 2003 ein umwerfendes Buch geschrieben hat: „A Dysfunctional Success.“ Über Aufstieg, Abstieg und Ausstieg aus dem Popgeschäft. „An that’s Oimey!“ Amy Rigby ist die Frau an seiner Seite, mit einer zerschabten Gibson-Akustikgitarre. Ein ungleiches Paar nur auf den ersten Blick, denn der englische Cockney-Ex-Radaubruder und die amerikanische Ex-Alternativ-Country- Songwriterin finden zu einer traumhaften Synthese zusammen. Sie zerren zerfledderte Verstärker, eine Heimorgel, einen Bass und ein antike Gitarren auf winzige Bühnen wie die des Berliner Privatclubs und machen ihr Ding. Singen Songs vom exzellenten Album Wreckless Eric & Amy Rigby und aus der Zeit, bevor sie sich kennenlernten. Und erzählen, was ihnen so einfällt. Ach ja, die Berlinale: Wie blöde sie sich gefühlt hätten, als sie über den roten Teppich laufen mussten, weil Erics Hit von 1977 „Whole Wide World“ in einem Hollywood-Film vorkam. Tragische, lustige Geschichten. Und rocken noch bis Mitternacht. H. P. Daniels

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