Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Kolja Reichert

POP

Schneller tanzen

mit den Superhelden

Als Videospiele aufkamen, lag die Frage nahe: Was wird aus Konsolenkindern, wenn sie groß sind? Die Antwort steht heute hinter Plattentellern: Steve Aoki, 1977 geboren, wuchs als Sohn des Wrestlers Rocky Aoki im Überfluss eines Millionärshaushalts auf. Der Kalifornier ist der Prototyp eines hyperaktiven Do-it-yourself-Artists, der das Internet zur Rundum-Selbstvermarktung nutzt. Mit seinem Label Dim Mak machte er europäischen Indierock wie Bloc Party und die Klaxons in den USA bekannt. Den aufgedrehten Partygängern, die zu seinen DJ-Sets tanzen, verkauft er die quietschbunten Comic-Klamotten aus seiner Modelinie und lässt sie dann für seinen Blog fotografieren. Sprich: Für Steve Aoki, der im Icon ein eklektisches, handwerklich enttäuschendes Trash-Set von Rage Against The Machine bis Mo-Do („Eins Zwei Polizei“) gibt, ist die ganze Welt ein großes Superhelden-Computerspiel.

Da passen seine neuesten Schützlinge, die vorher die Menge unter Strom setzten, prima ins Bild: The Bloody Beetroots, ein vielversprechendes Elektro-Duo aus Venedig, treten ausschließlich in Spiderman-Masken auf. Damit huldigen sie, wie schon Daft Punk oder The Knife, dem Erhabenen elektronischer Tanzmusik, das den Einzelnen transzendiert und zur Unterwerfung zwingt. Synthetische Chöre und bedrohliche Cembaloläufe schaffen das sakrale Gewicht, das die Pariser Justice in die Tanzmusik eingeführt haben. Der Rock-Elektro der Bloody Beetroots ist allerdings entfesselter, kaltblütiger. Würde er stellenweise noch Platz zum Atmen lassen, wäre ihm die uneingeschränkte Macht auf der Tanzfläche sicher. Kolja Reichert

ARCHITEKTUR

Schöner wohnen

mit Romeo und Julia

Wohnungsbau ist die vornehmste Aufgabe der Architektur – und zugleich die oft mit der geringsten Leidenschaft betriebene: quadratisch, praktisch, langweilig. Da bieten die Projekte der beiden Schweizer Thomas von Ballmoos und Bruno Krucker ganz andere Qualitäten (Aedes am Pfefferberg, Bauten und Spekulationen, bis 5. März, Katalog gta Verlag, Zürich 2007, 32 €). So haben sie ihre „Wohnüberbauung in Zürich-Altstetten“ um zwei große, vieleckige Höfe gelegt und dadurch ebenso spannungsvolle wie intime Lebensräume definiert. Aus der Großform des Gebäudes leiten sich die ebenfalls polygonalen Grundrisse ab, mit denen die Architekten einen Mittelweg zwischen offenen und geschlossenen Wohnräumen suchen.

Das Baugerüst empor geklettert, betritt man einen verwinkelten Sperrholzbau mit Atelierambiente. Große Fenster eröffnen den Blick auf Fotos mit aktuellen Projekten der beiden Zürcher. An den Wänden hängen Kopien von Bezugsgrößen: Neben Verweisen auf das legendäre britische Architektenpaar Peter und Alison Smithson findet sich auch ein Bild von „Romeo und Julia“ – den beiden Stuttgarter Wohnhochhäusern von Hans Scharoun aus den 50er Jahren, deren organische Wohnungsgrundrisse von Ballmoos und Krucker in ihren Bauten aufnehmen. Jürgen Tietz

KLASSIK

Neuer tönen als

mit dem alten Mummenschanz

Es ist im Konzertleben Berlins fast eine Kunst, ein provokantes Programm zu ersinnen. Alles schon da gewesen, denkt man, aber Lothar Zagrosek ist es gelungen, einen verstörenden Blick auf die jüngere deutsche Musikgeschichte zu lenken. „München 1935“ könnte man den Abend mit dem Konzerthausorchester, den krankheitsbedingt nicht Zagrosek, sondern Georg Schmöhe leitet, betiteln. Die beiden ausgewählten Werke sind trotz der zeitlichen und räumlichen Nähe unterschiedlicher kaum denkbar, sie zeigen, dass Musikgeschichte im 20. Jahrhundert nur noch fragmentarisch geschrieben werden kann: Carl Orffs Carmina Burana, dieses Gemisch aus Volkstümlichkeit, Pseudo-Archaik und ein wenig Neutönerei hat sich zum Klassik-Hit für Klassik-Verächter entwickelt. Und wird heute garantiert nicht als Zeitzeugnis der Nazikunst gehört. Man muss die politischen Verstrickungen Orffs nicht überbewerten – die Carmina wären auch ohne sie erfolgreich gewesen. Das sind sie auch an diesem Abend – bis auf wenige Unsauberkeiten im Zusammenspiel.

Ganz anders Karl Amadeus Hartmanns 1. Sinfonie, ein Requiem für Alt und Orchester. Es zeigt das Erstarren des Komponisten im Angesicht der Diktatur, deren Drang zur kriegerischen Apokalypse er voraussah. „Ich schaue auf alle Plagen der Welt“ – Worte von Walt Whitman künden von der inneren Emigration Hartmanns, erst 1948 wurde das Werk uraufgeführt. Katharine Goeldner intoniert die Verse mit beklemmender Intensität. Und das Konzerthausorchester weiß mit der skrupulös dünn orchestrierten Partitur, die bei allem Schmerz so viel Schönes zu bieten hat, mehr anzufangen als mit Orffs unzeitgemäßem Mummenschanz. Ulrich Pollmann

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