Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Punkige

Eisschollen

War es bei Rockkonzerten nicht so, dass eine Zugabe durch Klatschen, Kreischen und Trampeln erarbeitet werden will? Als Bloc Party in der ausverkauften Columbiahalle nach sechzig intensiven Minuten die Bühne verlassen, senkt sich nach kurzer Jubelentladung gespenstische Stille über den Saal. Irritierend. Bloc Party lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, geben im halbstündigen Zugabenset noch einmal Vollgas und baden am Ende doch im verdienten Applaus.

In Sachen Ausstrahlung zerfällt das Quartett aus London in zwei Hälften: Kele Okereke ist nicht nur ein begeisternder Sänger, er überzeugt dazu als Anheizer, der mit „I know you Germans like to party“-Schmeicheleien das Publikum um den Finger wickelt. Drummer Matt Tong ist sein launischer Sidekick, der anfangs im braunen Kapuzenpulli wie ein abtrünniger Benediktinermönch aussieht. Leadgitarrist Russell Lissack und Bassmann Gordon Moakes beackern präzise, aber ohne sichtbare Gefühlsregung ihre Instrumente, was durchaus zum Eisschollen-Post-Punk von Bloc Party passt. Vor allem die frühen Hits wie „Helicopter“ oder „Banquet“ werden gefeiert, während jüngere Stücke nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen. Schade, denn Bloc Party beweisen mit der grandiosen Eurodisco-Mutation „Flux“ oder dem zyklopisch bollernden, von The Prodigys „Firestarter“ inspirierten „Ares“ Mut zur Veränderung. So machen sie den Eindruck einer Band im Übergang: Noch von alten Erfolgen zehrend, konnten sie nicht alle von ihrer logischen Weiterentwicklung überzeugen. Vielleicht spielen Bloc Party bald wieder in kleineren Häusern. Was kein Drama sein muss: Dort wird wenigstens ordentlich gejubelt. Jörg Wunder

CHANSON

Diabolische

Grimassen

Georg Kreisler, der Meister des bitterbösen Liedes, besitzt ein Sprachrohr. Seitdem er nicht mehr auftritt, singt Tim Fischer seine Lieder. Nun hat er dem jungen Chansonnier einen eigenen Abend komponiert. Für ihn? Für sich. Die „Gnadenlose Abrechnung“ in der Bar jeder Vernunft (bis 1. März) ist ein langes Klagelied über den Verfall der Kultur, der Politik, der Gesellschaft, hach, der ganzen Welt von Samoa bis Osnabrück. Und ein sehnsuchtsvolles Schwelgen im Traum vom Paradies, wo ein „Karnickelkind so laut schnarcht wie ein Wickelkind“. Fischer wechselt rasant von einer Stimm- und Gemütslage in die andere, nimmt Kreislers Sprache, seine Wortwitze und Binnenreime wie Kaugummi in den Mund und formt aus ihnen perfekte Blasen. Rüdiger Mühleisen begleitet ihn am Flügel. All das ist faszinierend. Aber es ist nicht böse, sondern jammerig. Warum bloß?

Denn Fischer kann auch anders. Die diabolische Grimasse, die er beim Lied „Die Hexe“ aufsetzt, sitzt perfekt: Da zieht ein ekelhaft-misstrauischer Kleinbürger über seine Nachbarin her. Fischer überzeugt am meisten, wenn er sich in einen Typus hineinsingen darf. In „Aber reich“ beschreibt er die Suche nach einem wohlhabenden Lover. Plötzlich betritt die Diva die Bühne. Er kann die große Show-Geste nicht mehr zurückhalten. Vergessen ist sein grauer Banker-Anzug, vergessen der Versuch, bissiges Kabarett machen zu wollen. Fischer wirft sich die imaginäre Varieté-Stola um die Schultern. Jetzt ist er Tim Fischer, die Kunstfigur Tim Fischer, vital, charmant. Und nicht Kreisler, der Mann des Memento Mori – bedenke, dass du sterben musst.Anna Pataczek

KUNST

Ausrangierte

Nutzgegenstände

Bevor Museen zu Institutionen wuchsen mit einschüchternden Beständen und der Macht, Objekte kulturell zu weihen, waren sie schlicht Orte, an denen jemand zeigte, was ihm wichtig war. So sieht es Kurator Michael Fehr. Da könnte ja jeder sein Museum aufmachen! Und so versammelt die Sonderausstellung Museumsbauhütte im Werkbundarchiv künstlerische Museumsentwürfe (bis 2. 3., Oranienstr. 25, Fr-Mo 12-19 Uhr). Milton Friedbergs Kartoffelstampfer in einer Glasvitrine machen es vor: Ausrangierte Nutzgegenstände beanspruchen ein Leben nach dem Tod. Ausgeblendet wird, dass Museen vom Musentempel stammen und sich immer an ihrer gesellschaftlichen Relevanz messen lassen mussten. So erscheinen manche Arbeiten seltsam verstiegen, wie der Schauschrank „The Babylon Case“, der „unsere Kultur“ in ihrer „Essenz“ begreifbar machen will. Oder krämerhaft, wie Anne Kunz’ Flohmuseum, das mit albernen, von einem Vogelstimmenkommentator aufgesagten Sprüchen einfach nervt.

Wenn die Arbeiten charmant sind, dann nicht, weil sie neue Einsichten ins Prinzip Museum liefern, sondern schlicht, weil sie individuelle Neugier und Fantasie gegen die Hoheit der Institutionen stellen. So sind die Exponate aus dem „Museum der Unerhörten Dinge“ der beste Teil der Ausstellung: Unter nostalgischen Glasglocken ruhen Objekte, zu denen frei erfundene Geschichten zu lesen sind. So wird die Zufälligkeit der Verknüpfung von Objekt und Bedeutung poetisch vorgeführt. Kolja Reichert

KLASSIK

Ewige

Wellen

Russische Seele pur. Das Programm, mit dem Constantinos Carydis beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin gastiert, durchflutet die Philharmonie mit klanglichen Höhenflügen, und der Dirigent vermag sie zunächst auch zu gestalten. „Le Poème de l’extase“, erster Höhepunkt im Schaffen Alexander Skrjabins, ruft enthusiastischen Beifall hervor. Den Signalen der fünf Trompeten, dem Drive von acht Hörnern, dem Orgelgebrause und Glockenklang zum Schluss kann sich auch der nicht entziehen, dem die Klangflut in ihren ewigen Wellenbewegungen irgendwann zu viel wird. Carydis entfaltet auch Anatol Ljadows „Kikimora“ – eine von einem bösen Kobold handelnde „Orchesterlegende“ – quasi aus dem Nichts. Doch bei Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 3, wegen seiner technischen Schwierigkeiten auch „Konzert für Elefanten“ genannt, scheint der Dirigent wie gelähmt zu sein. Garrick Ohlsson, der das berühmte „Rach 3“ ohne Fehl und Tadel, aber mit ein wenig hartem Zugriff serviert, lässt er weitgehend den Vortritt, nicht zum Besten des Werkes. Es erscheint dadurch auf seine Virtuosität reduziert und erschöpft sich in funkelnden Figurationen, donnernden Akkordpassagen und filmreifen Sehnsuchtskantilenen. Tempounstimmigkeiten zeugen davon, wie zwei unterschiedliche Temperamente hier einander ausbremsen – was der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch tut. Isabel Herzfeld

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