Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Kolja Reichert

POP

Konsequent

scheitern

An der Lautstärke allein ist die Intensität eines Applauses nicht zu messen. Es gibt tiefere Ebenen der Verständigung zwischen Band und Publikum. Es gibt diesen Applaus, der an die Bühne brandet, als würde er träumen. So wie Sonntag im ausverkauften Huxley’s. Es ist die Rückmeldung, die The Notwist gebührt, deren weltabgewandter Indierock nicht frontal überwältigt, sondern wie unabsichtlich einnimmt. Simples Keyboardklimpern, ein schlicht vor sich hin groovendes Schlagzeug, ein gerader Achtelbass und der beiläufige Gesang von Markus Acher, dessen Akzent aus den englischen Texten geradezu eine eigene Kunstsprache macht: Unspektakulärer als mit „Boneless“ vom 2008er Album „The Devil, You + Me“ könnten The Notwist ihr Konzert kaum beginnen. Doch sofort ist da eine freundschaftliche Verbundenheit im Raum, wie man sie selten erlebt. Diese Band versteht sich auf die Herstellung von Schönheit und Aufrichtigkeit – allein der perfekt austarierte Sound zeugt von Weilheimer Wertarbeit.

Wie immer haben sich die Stücke weiter entwickelt. Spannend das Spiel mit der Technik: Markus Gretschmann steuert Sampler und Effekte, indem er mit Nintendo-Controllern wedelt. „Neon Golden“ löst sich in einen Instrumentalteil auf, der schon fast nach Minimal Techno klingt, und geht fast unmerklich in „Pilots“ über. Am Ende des zweiten Zugabenblocks schält sich aus einem schabenden Loop „Consequence“, die vielleicht unaufdringlichste Hymne, die es gibt: „Fail with consequence“, singt Markus Acher zu sich langsam drehenden Scheinwerferkegeln, „lose with eloquence/ and smile“. Ja, das Lächeln hält noch lange an. Kolja Reichert

KLASSIK

Konsequent

leuchten

Applaus für Fanny, wie sie ihn zu Lebzeiten nicht erwarten durfte. Er brandet auf in der empfänglichen breiten Öffentlichkeit des bis unters Dach besetzten Kammermusiksaals, als nur ihr Name genannt wird. Götz Teutsch will diesen Philharmonischen Salon, mit dem er „Die Sonntagsmusiken im Hause Mendelssohn“ betrachtet, vor allem der Schwester des Komponisten gewidmet sehen. Ein Beitrag zum Mendelssohn-Jahr, welcher von den Geschwistern handelt, Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy, Komponistin und Komponist, die in ihrer Welt nicht gleichberechtigt waren. Dieses Frauenschicksal ist bekannt und schwer begreiflich. Der Bruder wie der Vater wollen ihr den Musikerberuf nicht gönnen, „dazu ist sie zu sehr eine Frau“, die Musik für sie „stets nur Zierde, niemals Grundbass deines Seins“.

Ungeachtet der unterschiedlichen Begabungen liegt ein Trauerflor über den Lebenswegen der getauften Kinder Abrahams: Antisemitismus – das Publikum ist erschrocken über die Zitate des Goethefreundes Zelter –, Briefe, gelesen von Imogen Kogge und Gerd Wameling. Felix besucht Goethe. Fannys Not. Was kompositorisch leuchtet, macht die Pianistin Cordelia Höfer zu einem Gipfel der Interpretationen: Der „März“ mit dem Oster-Choral aus dem Zyklus „Das Jahr“ brandet auf wie ein Bruckner-Finale. Die Philharmoniker Walter Seyfarth und Manfred Preis glänzen parallel auf Klarinette und Bassetthorn in einem Konzertstück von Felix. Mitglieder des philharmonischen Venus Ensembles geben in Fannys As-Dur-Klavierquartett die Streicherpartien, während ihre Lieder der lyrischen Stimme und Wortinterpretation der Anna Prohaska gehören. Mit den Matineen in der Berliner Leipziger Straße 3 hat Fanny Geschichte geschrieben, in einem elitären, aber privaten Bereich. Als sie von ihrem Bruder den „Handwerkssegen“ zum Publizieren erhält, naht beiden das gemeinsame Todesjahr. Der Salon stellt dieses sensible Verhältnis unter das Eichendorff-Gedicht: „Wir sind durch Not und Freude / gegangen Hand in Hand.“ Sybill Mahlke

THEATER

Konsequent

schwitzen

Das Wort „insane“ – verrückt, irre – ist eines der Wörter, die am häufigsten fallen auf der Bühne des F40 English Theatre. Es beschreibt den Abend sehr gut. Zwei Männer stehen auf einem Podest. An den Kanten reihen sich Glühbirnen – die Andeutung einer Showbühne, aber auch eines Redepodests zweier Populisten, die ihre Botschaften unters Volk streuen. Der Theaterzuschauer ist Teil einer amerikanischen Talkshow. Das Thema: Wie ticken Terroristen? Die Uraufführung des englischsprachige Stück „The Extremists“ von C. J. Hopkins beginnt als harmlose Mediensatire. Als ein Gespräch, in dem sich der Moderator und der geladene Experte gegenseitig Floskeln zuschieben. Hopkins baut daraus ein Gedankengebäude, bis sich alles nur noch um Eines dreht: Was ist Wahrheit für die Guten? Und was für die Bösen? „Alles, was passiert, ist nicht das, was es zu sein scheint“, sagt der Talk-Gast, „weil wir nur das sehen, was wir erwarten“. – „Was ist Realität“, fragt der Moderator zurück. „Das ist eben die Frage“, antwortet der Gast.

Die Schauspieler Del Hamilton und Tim Habeger kommen bei diesen KlippKlapp-Dialogen ganz schön ins Schwitzen und brauchen mehrfach die Hilfe der Souffleuse. Regisseur Walter D. Asmus, ehemals Assistent von Samuel Beckett, platziert die beiden Männer nebeneinander, in zwei bis drei Meter Abstand. Bis auf ein paar Wiegeschritte bewegen sie sich nicht von der Stelle. Sie stehen frontal zu den Zuschauern – sprechen sie direkt an. Es kostet schon etwas Mühe, diesem theorielastigen, statischen Lehrstück anderthalb Stunden zu folgen. Am Schluss steigern sich Talk-Gast und Moderator zu einer letzten Behauptung: Damit Terroristen keine Chance haben, solle man alle Menschen einem Brainwashing unterziehen, einem „Brainwashing with truth“. „The Extremists“ (noch bis 28. Februar) ist Kopftheater im wahrsten Sinne.Anna Pataczek

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