Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Das gemeinsame Ohr

„Ainsi la nuit“ – der Titel des Streichquartetts von Henri Dutilleux aus den 1970er Jahren gibt dem Abend des Arcanto-Quartetts im Kammermusiksaal gewissermaßen das Motto: Stimmen der Nacht flüstern und wispern in vielfältigen Trillern und Tremoli, sachten, Pizzikato-gespickten Glissandi. Das feine, flüchtig fluktuierende Gewebe verlangt den vier Musikern gleich zu Beginn hohe Qualitäten ab: äußerste Präzision, nahtlose Übergänge, delikate Klangverschmelzung. Kaum zu glauben, dass Antje Weithaas, Daniel Sepec, Tabea Zimmermann und Jean-Guihen Queyras erst seit fünf Jahren in dieser Formation auftreten, der doch angeblich erst jahrelange Zusammenarbeit das sprichwörtliche „gemeinsame Ohr” verleiht. Doch an Erfahrung mangelt es nicht: Vor allem Zimmermann und Weithaas sind als weltweit gefragte Solistinnen bekannt. Gerade sie fügen sich kammermusikalisch so stark ein, wie man es selbst von langjährigen Ensembles kaum kennt.

Die unruhigen Bewegungsabläufe in Mendelssohns f-Moll-Quartett, das Dutilleux’sche Filigran eigenartig vorwegnehmend, beziehen ihre Spannung aber ebenso von ihrer prägnanten Ausgestaltung. Da ist nichts bloße Figuration, das berühmte, synkopisch stampfende Scherzo ein einziger Aufschrei. Die unmerklich führende Primaria Weithaas kann sich hier ebenso solistisch klangvoll ausagieren wie ganz in den Gesamtklang zurücknehmen.

Auch Bartóks Quartett Nr. 5, in seiner spiegelbildlichen Anlage noch zur „konstruktuvistischen” Periode gehörend, birst vor Ausdruck – und besticht besonders durch seine „Nachtmusiken”, die irrenden, schwirrenden Stimmen in den beiden langsamen Sätzen.Isabel Herzfeld

KUNST

Goldesel und Sterntaler

In Zeiten knapper Kassen dreht man jeden Taler zweimal um. Und schaut vielleicht auch länger hin: Die schönen, mindestens geschichtsträchtigen Stücke im Münzkabinett des Bodemuseums lohnen das Studium auf jeden Fall. Eine Sonderausstellung lang strahlt der Glanz des Hauses Habsburg. Zu sehen sind Medaillen der römisch-deutschen Kaiser und der Kaiser von Österreich (Monbijoubrücke, bis 1. Juni, Mo-So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Katalog 24,90 €). Die meisten Exponate stammen aus dem Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums Wien. Dazu gastieren in Berlin fünf Ölporträts von Regenten aus dem behandelten Zeitraum von 1508 bis 1918. In die Regierungszeit Maximilians I. fallen die Anfänge der habsburgischen Medaille aus Eigenproduktion (zuvor wurden Münzen bei italienischen Gastarbeitern in Auftrag gegeben). So ist Maximilians hagere Gestalt mit Hakennase auf einem „dicken Guldiner“ von 1505 zu sehen, dürre Finger halten das Zepter.

Highlight ist die tellergroße Prunkmedaille von 1719, die Karl VI. zur Geburt des Thronfolgers Leopold gewidmet wurde. Das Kind starb, Maria Theresia wurde Kaiserin. 1767 war die Genesung der Regentin von den Pocken den Hofmedailleuren eine Goldmünze wert. Göttermutter Hera, Athene und ein Putto huldigen der Kaiserin. Während im Barock und im Rokoko reiche Ornamentik herrscht, zeigen die Münzen aus der Zeit des Klassizismus viel blankes Metall. Jens Hinrichsen

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