Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

LITERATUR

Wir sind

alle Klone

„Wir werden jetzt etwas Tiefes, Gewaltiges machen.“ Aus dem Mund von Ann Cotten klingt das witzig, besonders, wenn sie von einem Schrank herunter spricht. Die 26-Jährige, die sich 2008 mit ihrem Suhrkamp-Debüt „Fremdwörterbuchsonette“ als formversessene Lyrik-Anarchistin vorstellte, lädt unter dem Titel Kritik & Cover wechselnde Gäste ins Hotel Marienbad in den Kunstwerken (bis 10.3., Auguststr. 69, Programm: www.kw-berlin.de). Zum Eröffnungsabend sind Christian Filips gekommen und Monika Rinck, die sich auf dem großen Klavierlack-Bett unter dem Pferdekopf drapiert hat, im Wandspiegel verdoppelt. Das schräge Jugendstilzimmer wird zum literarischen Salon, zur eskapistischen Spiegelkammer. Cotten liest Goethe, Filips liest Paul Bogaerts „Zirkuläre Systeme“, Rinck spielt was von ihrem Hörbuch „Pass auf, Pony!“ ein. Zwischendurch raunen alle gemeinsam den „Cover-Kanon“: „Klone Jakob! Klone Jakob ... Alle sind wir Klone ...“. Hinter einer Spiegeltür, hört man, betreibt Hendrik Jackson ein Büro für Kritik. Eine närrische Darbietung, in der sich Sinnbezüge im Zigarettenrauch auflösen, der im Lauf des Abends postmoderne Schleier ums Geschehen spinnt. Fast lässt Ann Cotten, im Spagat zwischen Wand und Technik klemmend, mit der einen Hand die Kabel prüfend, mit der anderen ausgestreckt das Macbook balancierend, ihr Gerät fallen. Was ist Show, was ist Unfall? Die Gäste lauschen versunken, schmunzeln irritiert. Kolja Reichert

MUSIK

Feine Lieder,

zarte Stimmen

Wenn Säle weinen könnten, dann hätte man die Seufzer des Meistersaals wohl bis über den Potsdamer Platz gehört. Dem wohl edelsten Kammermusiksaal Berlins wäre es zu gönnen, dass sich in ihm eine angemessene Veranstaltungsreihe etabliert. Doch der zu Jahresbeginn neu eingezogene Pächter zeigt nicht die gleiche mäzenatische Großzügigkeit seines Vorgängers. Deshalb beherbergt nun der Curt-Sachs-Saal im Musikinstrumentenmuseum die Konzertreihe Meisterlied. Einem anderen bedeutenden Vernachlässigten machten die Sopranistin Anna Korondi, der Tenor Lothar Odinius und der Pianist Manuel Lange mit ihrem Programm Hoffnung: Felix Mendelssohn Bartholdy. Neben Liedern wie jenen aus Opus 19, 47 und 71 brachten sie ähnlich fein gewirkte Gesänge zu Texten von Heine, Tieck und Hölty zum Vortrag: Reizende Miniaturen, die erst 2008 erstmals im Druck erschienen sind! Odinius und Korondi wussten ihre Stimmen klug der intimen Gattung anzupassen: Odinius beeindruckte durch die genaue Durchdringung eines jeden Textes, während Korondi dort glänzte, wo sie sich mit psychologischen Gespür in eine Bühnenrolle begeben konnte. Carsten Niemann

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