Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

PERFORMANCE

Ich selbst und meine Wiedergänger

Raubkopierer sind Verbrecher, das hat sich herumgesprochen, aber wo genau beginnt der Diebstahl geistigen Eigentums? Fällt es unter minder schweren Mundraub, wenn man John Lennons „Give Peace a Chance“ zur Anti-Piraterie-Ballade umdichtet und mit eigenem Beat unterlegt? Was ist mit Filmen, die man so sehr liebt, dass man das Gefühl hat, sie gehören einem? Und verstößt es eigentlich gegen irgendwelche Copyright-Gesetze, sich selbst zu vervielfältigen?

Diese und ähnliche Fragen stellt sich die Künstlerin Rahel Savoldelli in ihrer originellen, zügig inszenierten Solo-Performance „CopyMe“ im Ballhaus Ost (wieder 25., 26., 27. Februar). Wer noch nicht wusste, wie viel komisches Potential in Savoldelli steckt, die zusammen mit Anne Tismer das Kollektiv „Gutestun“ gegründet hat, kann sich hier ein Bild davon machen. Savoldelli ist in Zwiesprache mit zwei Video-Wiedergängerinnen ihrer selbst auf der Leinwand zu erleben, mit denen sie eine Band gründet und über Fragen der forcierten Gratisverschwendung ihrer Kunst in Streit gerät.

Dazwischen projiziert sich Slvoldelli in die schönsten Szenen aus Stanley Kubricks Filmklassiker „Shining“ und fährt auf dem Dreirad in die Twilight Zone der Plagiats-Hommage. Der englischsprachige Abend, eine Koproduktion unter anderem mit dem PushPush Theater Atlanta, besitzt eine mitreißende Unangestrengtheit und eine fröhliche Botschaft: Es lebe die Freibeuterei des Geistes! Patrick Wildermann

AUSSTELLUNG

Blumen-Paul und Jägermeister-Karin

Sie suchten Momente des Glücks. Oder einfach nur Stunk. Die Korn-Uschi und die Jägermeister-Karin, der Blumen-Paul oder der Spinner-Rudi. In den sechziger Jahren war das Café Lehmitz am Ende der Hamburger Reeperbahn ein beliebter Treff von Arbeitern, Prostituierten und Kleinkriminellen. Es muss eine wilde Zeit gewesen sein, auch eine verzweifelte. Davon erzählen die Fotografien des schwedischen Fotografen Anders Petersen, die zurzeit im Felleshus in der Ausstellung „Café Lehmitz“ zu sehen sind. Petersen zog 1967 nach Hamburg. Zwei Jahre lang besuchte er die Stehbierhalle als stiller Beobachter. Irgendwann zog er die Kamera heraus und machte grandiose Schwarz-eißbilder. Lauter kleine, rohe Geschichten fügen sich zu einer großen, warmen Milieustudie. Lamettareihen hängen von den Wänden und müde Männer über dem Bartresen. Zur Aufmunterung gibt es ein kleines Bierchen oder ein Tänzchen mit der Dame vom Nachbartisch. Dem Fußboden sieht man an, dass er klebt. Eine einsame Seele starrt in die Kamera, während andere sich unbeobachtet fühlen und schmusen, grapschen, schlägern. Das Menschliche in Petersens Werken ist zeitlos, hätten die frivolen Damen nicht ondulierte Frisuren. (Bis 1. März, Felleshus in den Nordischen Botschaften, Mo-Fr 10-19, Sa/So 11-16 Uhr, Eintritt frei, Katalog 29,80 €)Anna Pataczek

POP

Die Frau mit Dutt und ihre Zwillingsschwester

Um halb elf kämpfen sich ein paar verwegen verzottelte Typen durch den proppevollen Roten Salon. Da ist auch eine junge Frau im dicken Daunenmantel und mit rötlicher Lockenpracht: Neko Case. Tosender Beifall, aber die hübsche Amerikanerin winkt ab: Nein, noch nicht! Sie muss erst ein paar Akkordfolgen mit den Musikern besprechen. Kurz vor elf: „Okay!“ Neko sagt: „We never played these songs before!“ Man merkt das diesem ersten Tour-Tag an. Es scheppert. Banjo, zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug. Und eine weitere Sängerin, die Nekos Gesangslinien verdoppelt und ihr dabei zwillingshaft ähnlich klingt. In den Songs vom fünften Album „Middle Cyclone“, das im März erscheint, geht es um Tornados und Orkane, Killerwale, Elefanten und Elstern am Morgen. Merkwürdiges zu Folk und Jazztupfern, das Ganze weniger countryhaft als früher. Eine hübsche Interpretation von Harry Nilssons „Don’t Forget Me“, an Marianne Faithfull angelehnt. Zwischendrin knüpft Neko hibbelig ihr Haar zum Dutt, erzählt kichernd Anekdoten, lässt die Haare wieder fallen.

Die älteren Songs wirken überzeugender: die Countryballade „I Wish I Was The Moon“ mit Pedal-Steel-Begleitung, das hübsch verdrehte „Margaret vs. Pauline“. Die Band erzeugt schwirrende Klänge, Jon Rauhouse und Paul Rigby abwechselnd auf akustischen und elektrischen Gitarren, während Neko ihre viersaitige Gibson-SG-Tenorgitarre schrabbelt. Die Fans toben, doch würde man das alles gerne noch einmal hören, wenn es besser geprobt ist. H. P. Daniels

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