Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Volker LükeD

POP

Sitzt alles

perfekt

Passend zur Weiberfastnacht steigen in der Max-Schmeling-Halle die Pussycat Dolls aus Los Angeles auf die Bühne, um ihr aktuelles Album „Doll Domination“ zu präsentieren: Nicole Scherzinger, Melody Thornton, Jessica Sutta, Ashley Roberts und Kimberly Watt. Auf Motorrädern werden sie zum Opener „Takin’ Over The World“ auf eine stählerne Bühnenkonstruktion gehoben, um anschließend in exotischer Unterwäsche zwischen Feuerwerk und Rauchsäulen herumzuhüpfen – was sollte man dagegen haben? Dabei sind sie nicht mehr die tanzenden Pin-up-Girls, sondern eine gewachsene Gruppe, die dank Nicole Scherzinger auch stimmlich überzeugt, wenn sie ihre Club-Hits „I Don''t Need A Man“ oder „Don''t Cha“ in die verzückte Menge werfen. Knackig produzierter Power- R&B, bei dem die Breaks so perfekt sitzen wie die Strapse, Korsagen und Lederstiefel. Dazu gibt es fünf Tanzboys, die um die Ladys herumturnen, bis die Dance-Pop-Revue nach 100 Minuten mit dem aktuellen Hit „When I Grow Up“ endet. So sind die Pussycat Dolls – fünf Partymiezen, die ein herausragendes Selbstbewusstsein an den Tag legen und sich damit unter die weiblichen HipHop- und R&B-Künstler einreihen, die diesen Stil von einseitigen Machismen der Herren befreit haben. Volker Lüke

KLASSIK

Vorsichtig

erneuert

Der wieder genesene Lothar Zagrosek, das wird an diesem Abend im Konzerthaus schnell deutlich, erfreut sich eines immer innigeren Verhältnisses zu seinem Orchester. Schon Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre tanzt er seinen Musikern ganz hinreißend vor. Sie danken es mit Präsenz bis ans letzte Pult. Die Umbaupause nutzt Zagrosek dann zum Gespräch mit dem jungen Komponisten Johannes Maria Staud. Als Versuch, das doch recht konservative Abonnementspublikum zur neuen Musik zu führen, wirkt das charmant. Wie auch das Stück selbst: Staud hat ein kurzes Fragment Mozarts für Cello (Solist: Jean-Guihen Queyras) und Orchester bearbeitet und dann weiterkomponiert. Kaum hat man sich an den klassischen Schönklang des Werkes gewöhnt, taucht das Orchester plötzlich in ganz andere Welten ab: Das Pulsieren Mozarts schlägt in atonale Klangflächen um. Das sitzt. Staud schafft einen erschreckenden stilistischen Bruch, der staunen macht und zum Zuhören geradezu zwingt.

Eine beglückende Aufführung von Beethovens Eroica zeigt dann, wie intensiv Zagrosek bereits am Klang dieses Orchesters gearbeitet hat. Schon im ersten Satz beeindrucken die harten Akkordballungen, wie undurchdringliche akustische Schleusen schiebt das Orchester sie vor sich her. Zum Höhepunkt wird der folgende Trauermarsch, das Orchester zeigt eine ganz eigene Streicherklang- Kultur, statisch und monochrom-vibratolos an der Oberfläche und doch von harziger Biegsamkeit. Viel Beifall im ausverkauften Saal. Ulrich Pollmann

KLASSIK

Starke

Argumente

Ob die Akademie für Alte Musik unter der Leitung von Georg Kallweit und Jan Freiheit ihre Zuhörer bessern wollte, als sie im Radialsystem Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“ zu Gehör brachte? Deutlich war jedenfalls, dass man nach einer klaren Haltung zu dem Stück rang. „Was bleibt“, übersetzte man die Frage, die Textdichter Kardinal Benedetto Pamphili in seiner Allegorie zum Umgang des Menschen mit der Vergänglichkeit von Schönheit und Vergnügen stellt. Überraschend wurde die personifizierte „Erkenntnis“ zum Star des Abends: Ivonne Fuchs legte viel freundlich gelassene Bestimmtheit in ihren warmen, sonoren Alt. Starke Argumente hatte auch der Tenor Colin Balzer als „Zeit“ parat, wenngleich das Furor seines Vortrags nicht überall zur Rolle passen wollte. Gegenüber dieser Intensität hatten die Schönheit (Caroline Stein) und das Vergnügen (Meike Leluschko) einen schweren Stand, zumal es ihren schönen Sopranstimmen in den Koloraturen bisweilen an verführerischer Geschmeidigkeit fehlte. Erst in dem makellos intonierten „Lascia la spina“, mit dem das Vergnügen die Schönheit zum Bleiben zu bewegen sucht, stellten sie das Gleichgewicht der Kräfte in diesem aufregend janusköpfigen Werk wieder her (nochmals heute, 22. 2.). Carsten Niemann

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