Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Vorwärts

in die Siebziger

Es gibt derzeit eine Affinität zu lange verpönten Klängen der Siebziger: Gruppen wie die Flaming Lips oder Mercury Rev lassen sich durch den vom Punk weggefegten Klangbombast der Prog-Rock-Dinosaurier Yes, King Crimson oder Pink Floyd inspirieren. Kaum eine Gruppe traut sich dabei so weit vor wie die Secret Machines. Im Frannz Club streckt das in New York lebende Trio schon auf Platte epische Titel wie „The Walls are starting to crack“ oder „The Fire is waiting“ ins Viertelstundenformat, ohne eine Sekunde zu langweilen. Brandon Curtis’ Stimme klingt heiserer als im Studio, dafür drückt er schwere Tontrauben aus seiner Orgel. Der neue Gitarrist Phil Karnats schraffiert labyrinthische Akkordmuster, die er durch ein Dutzend Effektgeräte jagt. Der Blickfang ist aber Schlagzeuger Josh Garza: Zusammengekauert drischt er mit weit ausholenden Armen auf sein Drumkit ein. Seine physische Präsenz bewahrt die Secret Machines davor, in die gleichen Fallen wie ihre Vorgänger zu tappen. Die Songs verlieren sich nie in Gesten leerer Virtuosität. Nach nur 75 Minuten endet der Auftritt viel zu früh, die DJs der anschließenden „Tannz im Frannz“-Party drehen schon am Lautstärkeregler. Schade, man hätte dieser kundigen Forschungsgrabung durch verschüttete Schichten der Rockhistorie gern länger beigewohnt. Jörg Wunder

ETHNO-POP

Energie

auf Portugiesisch

Getanzt wird überall auf der Welt – da lohnt es sich, auch auf der Südhalbkugel nach spannenden Beats zu suchen. Nachdem man bereits bei der Club Transmediale DJ Mujava aus Südafrika mit seinem Township-Funk erleben konnte, kommt die nächste Sensation aus Portugal, mit dem Buraka Som Sistema, ein Soundsystem, das zu dem globalen Bass-Elektro-Netzwerk gehört, zu dem auch M.I.A aus London und die brasilianische Baile-Funk-Gruppe Bande Do Role zählen. Ihr Sound nennt sich Kuduro („Hartarsch“), ein Musikstil, der in den neunziger Jahren in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola entstand, als man nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg endlich Party machen wollte und die Schönheit der traditionellen Musik mit House- Beats aufmotzte, was prompt einen neuen akrobatischen Tanzstil kreierte. Bei ihrem Auftritt im vollen Lido bricht sich geballte Energie Bahn, wenn die Gruppe ihren innovativen Sound-Clash mit Techno-Bollerbeats und HipHop-Ragga-Elementen zu einer explosiven Mischung verdichtet. Drei Musiker an Laptops und Schlagzeug füllen den Saal mit kompromissloser Lautstärke und tranceartiger Ekstase, während zwei Rapper auf Portugiesisch Hochgeschwindigkeitsreime plappern. Dass sich bei diesem Tohuwabohu kleine Schnitzer im Soundgefüge einschleichen, dürfte kaum stören; schließlich geht es um nichts weiter als Spaß, um die große Party, bei der sich das restlos begeisterte Publikum den Hintern abtanzt und kaum glauben mag, dass nach siebzig Minuten alles vorbei sein soll. Volker Lüke

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