Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Jodler

aus dem Jenseits

Die Passacaglia: stabiler Bassgrund, Variation des Beinahe-Gleichen, Zentrifugalkraftwerk, das Unerhörtes herauskatapultiert. Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie Orchester haben – zum 15. Geburtstag der Berliner Rundfunk Orchester und Chöre GmbH und als Abschiedsgeschenk für den Deutschlandradio-Intendanten Ernst Elitz – ein kluges Konzertprogramm zusammengestellt: Auf Bachs Formschema beziehen sich Weberns „Passacaglia“, die Zwölftonreihe in Bergs Violinkonzert und Brahms 4. Sinfonie. Das Beharrliche, hier wird’s Ereignis, wenn Metzmacher bei Brahms die Autosuggestion hervorkehrt. Mit aller Macht vergewissert sich die Symphonik ihrer selbst – und die wehmütige Soloflöte klingt wie vom anderen Stern.

Traumverloren auch der Geiger Christian Tetzlaff. Sein Spiel ist das eigentliche Ereignis des Abends in der Philharmonie, sein ins Klanggeflecht des Orchesters eingebetteter Ton, seine einsamen Wanderungen weit weg vom Lärm des Kollektivs, sein Vermögen, vollkommene Hingabe und restlose Kontrolle miteiander zu vereinen. Kerzengerade steht Tetzlaff da, hält die Geige im rechten Winkel und geht geschmeidig tief in die Knie. Jodler aus dem Jenseits, Bekenntnis eines Narkoleptikers – und der verzitternde Schlusston wird zur puren Magie: So bewegend hat man diese Musik des Verschwindens selten gehört. Christiane Peitz

KLASSIK

Flottes

aus dem Diesseits

Kunst, heißt es, geht nach Brot. Aber produziert fetteres Brot auch bessere Kunst? 30 000 Euro hätte der erste Preisträger im International Song Competition „Das Lied“ gewinnen können – eine hypertrophe Summe. Für die Seriosität des von Thomas Quasthoff beziehungsreich initiierten Wettbewerbs spricht, dass es keinen ersten Preisträger gab. Geld allein macht eben weder glücklich noch begabt. So überschäumend prominent der sonntägliche Andrang beim Preisträgerkonzert im Apollo-Saal sich gebärdete – die Frage, wo diese Schultern klopfenden, Küsschen werfenden Menschen alle bleiben, wenn einmal ein Liederabend stattfindet, beantwortete er nicht.

Prompt nähren die Zweit- und Drittplatzierten nur solide Hoffnungen. Der deutsche Bariton Tobias Berndt (15 000 Euro) hat eine angenehme Stimme, männlich-weich timbriert und sehr ausgewogen. Allerdings drückt er gern das Kinn auf die Brust, was seine musikalische Fantasie wenig beflügelt. Daniel Schmutzhard aus Österreich (5000 Euro), ebenfalls Bariton, beeindruckt mit einem flotten „Erlkönig“, ist textlich aber kaum zu verstehen und hat an seiner Höhe zu arbeiten. Und so klangschön dem koreanischen Tenor Seil Kim (5000 Euro) Schuberts „Nacht und Träume“ gelingt: Über ein sicheres Mittelmaß kommt auch er nicht hinaus. Lieder mögen vergessen sein oder uns gefühlsmäßig fremd: Mit Bravheit allein gewinnt man hier keinen Blumentopf. Christine Lemke-Matwey

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