Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Die totale

Verschwendung

Wo kauft der Mann bloß seine Energieriegel? Sänger Paul Smith absolviert beim Auftritt von Maximo Park im ausverkauften Lido das Pensum eines Leistungssportlers. Zwar verzichtet der 29-jährige Hutträger diesmal weitgehend auf akrobatische Einlagen, aber dafür legt er in Gestik und Mimik, in Gesang und Zwischenansagen so viel Intensität, dass seine vier Mitstreiter in den Hintergrund treten. Die Band aus Newcastle genießt bei Fans und Kritikern einen gleichermaßen guten Ruf, obwohl sie weder wie die Libertines eine Bewegung losgetreten haben, noch zu Stilikonen wurden wie Franz Ferdinand. Auch zum Erfolg von Kaiser Chiefs oder Arctic Monkeys hat es nicht gereicht, weil selbst ihre eingängigsten Songs so sperrig sind wie Rokoko-Möbel: hier noch ein irrer melodischer Schnörkel, dort eine sinnlos majestätische Bridge. Die totale Verschwendung, verschenken sie doch zwischen den Refrains von Hits wie „Apply Some Pressure“ oder „Our Velocity“ die Ideen für mindestens zwei weitere eigenständige Hits. Grandios.

Den Auftritt im Lido nutzen Maximo Park, um Songs von ihrem kommenden Album in wohnzimmerhafter Atmosphäre – die Band spielt normalerweise in größeren Hallen – zu testen. Offenbar haben sie der Versuchung widerstanden, sich an aktuelle Indiepop-Trends dranzuhängen. Kein Disco-Punk, keine Afrobeat-Gitarren. Stattdessen die akkuraten Akkordritzungen von Duncan Lloyd, präzise Bass-Schlagzeug-Figuren von Archis Tiku und Tom English und Lukas Woollers energisches Georgel. Beim jungfräulichen Hören sind kommende Hits nur zu erahnen, aber das war bei früheren Stücken nicht anders. „The Kids are Sick Again“ dürfte einer werden, ebenso das hymnische „Rollerdisco Dream“.

Das Publikum bejubelt den exklusiven Erstkontakt, aber richtig ins Brodeln kommt der Laden erst bei den bekannten Gassenhauern. Mit unwiderstehlicher Dynamik lassen „Books for Boxes“, „The Night I lost my Head“ und die Zugabe „Going missing“ das Lido überkochen, ehe nach 75 Minuten und Dankesbezeugungen von Paul Smith und den Seinen Schluss ist. Immer noch eine der besten Bands von England. Jörg Wunder

KUNST

In der

Shoppingmall-Hölle

Ein Vergnügen ist es nicht, sich Dan Grahams Video „Death by Chocolate“ anzusehen. Die Kamera taumelt, der Ton lässt zu wünschen übrig, die Auflösung der Bilder auch. Dafür dauert der Trip durch eine kanadische Shopping-Mall in der Daad-Galerie nur acht Minuten – und liefert ein authentisches Bild davon, wie der große Konzeptkünstler die Dinge um sich herum sieht (Zimmerstraße 90/91, bis 22. März).

1986 irrte Graham, der unter anderem das gläserne Café der Berliner Kunst-Werke in der Auguststraße entwarf, zum ersten Mal zwischen den Wasserfontänen und gläsernen Konstruktionen des Einkaufszentrums umher. 20 Jahre später ergänzt er seinen Film um jene Einstellungen, die zeigen, wie wenig sich verändert hat. Seine Kamera fährt die architektonischen Komponenten der künstlichen Umgebung ab. Festgehalten wird sie nur von kleinen Sensationen hinter Glas: Ein Mann singt lautlos, zwei Dompteure balgen mit Raubkatzen. Was zum Bleiben und Weiterkaufen animieren soll, wirkt in Grahams Video aber seltsam distanziert.

Die gläsernen Wände schirmen die Akteure von den Konsumenten ab, die dank zahlloser Spiegelflächen immer wieder auf das zurückgeworfen werden, was in der Shoppingwelt wirklich zählt – der eigene begehrliche Blick. Ähnlich funktioniert die Diaserie „New Jersey“, in der Graham die kleine Welt des US-Eigenheims in einer vom Menschen gedachten und gemachten Umgebung vorbeiziehen lässt. Das ästhetische Format interessiert ihn weit weniger als der Zustand einer Gesellschaft, die sich aus solchen Bildern herauslesen lässt. Davon handelt auch der Vortrag der Anthropologin und Kuratorin Christine Nippe, die am Donnerstag um 19 Uhr in der Ausstellung über „Dan Grahams Spiegelungen urbaner Räume“ spricht. Christiane Meixner

ARCHITEKTUR

Deutschlands

Vorzeigestadt

Aalvar Aalto, Zaha Hadid, Hans Scharoun – Wolfsburg bietet weit mehr als Polo und Passat. Vielmehr erweist sich die Stadt als eine einzigartige Sammlung von Preziosen der modernen Nachkriegsarchitektur. Zum 70. Jahrestag der Gründung der VW-Stadt macht nun eine Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum DAZ (Köpenicker Straße 48/49, bis 8. März) unter dem Titel Typisch Wolfsburg in sieben Kapiteln mit den Bauten der Stadt und den Architektenpersönlichkeiten vertraut, die dort wirkten.

1938 nach einem Entwurf von Peter Koller als Produktionsort für den „KdF-Wagen“ entstanden, entwickelte sich Wolfsburg nach 1945 zur modernen Vorzeigestadt der jungen Bundesrepublik. Dabei galt das Augenmerk keineswegs nur den Produktionsstätten des wachsenden Weltkonzerns Volkswagen. Auch Wohnarchitektur, Sakralbauten und innovative Bildungsstätten begründeten den Ruf der neuen Stadt.

Noch heute setzt Wolfsburg auf diese Tradition, an seinem unverwechselbaren Gesicht mit moderner Architektur weiterzubauen: Das gilt für Gunter Henns großzügig verglaste Autostadt ebenso wie für Zaha Hadids sichtbetongraues Phaeno- Science-Center. Wer sich von Wolfsburgs Architekturvielfalt ein eigenes Bild machen will, der kann das nicht nur in der Ausstellung des DAZ tun, sondern auch direkt in Wolfsburg – bei einer geführten Tagestour am 6. März (Anmeldung unter mail @daz.de). Jürgen Tietz

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