Kultur : KURZ & KRITISCH

Anna Pataczek

KUNST

Ansichten aus der Notaufnahme

Als Ende 2008 Krieg in Gaza war, setzte Yael Katz Ben Shalom einen Notruf ab. Die Galeristin schrieb 6000 jüdische, muslimische und christliche Künstler an. Sie sollten auf den Konflikt reagieren. Wenige Wochen später stapelten sich in ihrer Galerie Artneuland über hundert Fotografien, Objekte und CD-ROMs mit Videoarbeiten. Sie sind nun in der Ausstellung Art of Emergency zu sehen – unkuratiert, weil sich Yael Katz Ben Shalom kein ästhetisches Urteil erlauben wollte (Schumannstr. 18, bis 15. März, Di – Fr 11 - 19 Uhr, Sa 11 - 18 Uhr. An diesem Donnerstag um 20 Uhr Vorstellung der Anthologie „Jewish Topographies“ ).

Ein Frau sitzt auf einem Bett, in ihren Händen liegt ein Maschinengewehr. Sie hält es dem Betrachter hin wie eine Opfergabe. Im Hintergrund: das Porträt ihres getöteten Sohns. Die Fotografie „The Announcement“ von Lea Golda Holterman ist eine der explizitesten künstlerischen Anklagen unter den Arbeiten. Andere nähern sich ironisch, wie „Jewish Paradise“ von Ron Golz, ein blinkender Palast aus Milchtüten und Honiggläsern.

Auffällig ist, wie viele Kinder- und Jugendporträts hier versammelt sind. Ein Krieg ist eben immer ein Verbrechen an der nächsten Generation. Yael Katz Ben Shalom formuliert einen klaren politischen Anspruch an die Kunst, sie will zwischen den drei Kulturen vermitteln und nennt es Trialog. Zum Glück behauptet die Ausstellung nicht, auf diese Weise den Nahostkonflikt lösen zu können. Aber Galerien können wie Fitnessstudios sein, sagt die Galeristin: Sie trainieren die Urteilskraft. Anna Pataczek

POP

Willkommen im Irrgarten

Seit das vielköpfige Indie-Ensemble Arcade Fire seine Heimatstadt Montreal auf die Landkarte des musikalischen Weltgeschehens gehoben hat, wissen wir um die Kreativität der kanadischen Provinzhauptstadt. Das dürfte auch Malajube bei ihrem Durchbruch geholfen haben. Die vier jungen Männer mit den standesüblichen Bärten und langen Strubbelhaaren wurden vor zwei Jahren frenetisch für „Trompe-l’œil“ gefeiert, ein Indie-Juwel, roh und ungeschliffen. Eher still ist es nun, da mit Labyrinthes ein weiteres in alle Richtungen sprießendes Album der Band erscheint (Cityslang). Daran mag schuld sein, dass Frontman Julien Mineau auf Französisch singt. Dabei funktionieren große Popmelodien unabhängig von Sprache und Aussprache. Außerdem verschwinden Inhalte hier sowieso unweigerlich in einem wild wirbelnden Funkenflug. Kein Stück hört auf, wie es angefangen hat.

Plötzliche Richtungswechsel, Gegenbewegungen und eine impulsive Laut-Leise-Dynamik tun ein Übriges, um sich in dieser rauschhaften Musik zu verlieren. Selbst wenn Songs wie „Porté Disparu“ oder „Luna“ mit kreiselnden Varieté-Beats ein wenig Klarheit schaffen: Das Prinzip dieser Musik, die wie ein ungewollter Bastard aus Progrock-Exzess und Folk-Waise daherkommt, ist in der Tat das Labyrinthische. Sich verlieren im Gewirr der Klanglinien, zischender Becken und galoppierenden Bass-Dröhnens – und auch mal aushalten, dass ein Stück erst nach fünf Minuten richtig kracht. Die Schönheit dahinter muss man sich erarbeiten. Irrwege inbegriffen. Kai Müller

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