Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Die Entdeckung

der Zeit

Ungewöhnlich präsentieren sich die Gäste aus Minnesota schon, bevor der erste konzertante Ton erklungen ist: Die Philharmonie ist von einem Gesumm erfüllt, das sich europäische Kollegen längst abgewöhnt haben. Fast nahtlos geht das über in „Slonimsky’s Earbox“ von John Adams, nur dass der Komponist wie mit der minimalistischen Harke durch das Klangchaos hindurchgefahren zu sein scheint, ordnend und vereinfachend. Mit der ersten fulminant aufschießenden Skala zeigt Osmo Vänskä, wer Herr im Hause des Minnesota Orchestra ist: Keinen Moment entlässt der finnische Dirigent seine Musiker aus seiner suggestiv-theatralischen Gestik. Jeder Akzent wird angezeigt, jedes Piano in plötzliches Zusammenkauern, jedes Crescendo in emphatische Armschwünge übersetzt.

Temperament und unabweisbare Klangpräsenz sind den Amerikanern gewiss nicht abzusprechen. Doch bei Beethoven läuft die ganze Überpointierung ins Leere. Der 1. Satz der „Eroica“ wird zum Geschwindmarsch preußischer oder französisch-revolutionärer Couleur, in den die Synkopen wie Nackenschläge dreinfahren. Schwerer als diese vielleicht noch verhandelbare Lesart wirkt, dass der Überdruck keine Klangbalance mehr zulässt, das Holz matt, das Blech topfig oder schrill klingt und tragende Motive gnadenlos untergehen.

So muss Joshua Bell kommen, um zu einer natürlichen, kantablen Musikalität zurückzuführen. Der Stargeiger besitzt im Übermaß, was dem flinken Finnen fehlt: Zeit. Samuel Barbers Violinkonzert macht er zur berückenden Klangrede, verführt auch das Orchester immer wieder zum Innehalten und zu sachten Umspielungen. Selbst im daherjagenden Presto ist Zeit für witzige Pointierungen und charmante kleine Schnörkel. Der virtuos aufgemotzte „Yankee Doodle“ als Zugabe wird vollends zum geigerischen Non plus ultra – gerade durch das ironische Augenzwinkern „unspielbarer“ Flageolets und Oktavglissandi. Riesenjubel. Isabel Herzfeld

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