Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

HEAVY METAL

Sinnlos

erhaben

Unbeirrt vom Zeitgeist und modischen Strömungen lassen es die Heavy-Metal-Veteranen von Judas Priest in der Max-Schmeling-Halle noch mal krachen. Es gibt sie noch, die 1971 gegründete Band aus Birmingham, die Anfang der Achtziger die Speerspitze des britischen Heavy Metal bildete. Seit 2004 ist auch Sänger Rob Halford wieder da, der sich 1988 zu seiner Homosexualität bekannte. Mit Nieten-Ledermantel, Vollbart und Glatze stolziert der 57-Jährige wie ein Pfau über die Bühne und kreischt mit seiner 4-1/2-Oktaven-Stimme, während die Gitarren von K. K. Downing und Glenn Tipton um die Wette bratzen, der Bass pumpt und das Schlagzeug donnert. Nach zwei Stücken des aktuellen Albums „Nostradamus“ kommen all die Klopper, die tief in die Körper der Fangemeinde eingedrungen sind: „Breaking The Law“, „Sinner“, „Painkiller“ und die verkappte Cocksucker-Hymne „Eat Me Alive“.

Der Alt-Fan schwärmt von technischer Finesse, auch wenn auf der Bühne nur die routinierte Rockmaschine abläuft – allerdings wie aus einem Guss. Und wie alle Metaller glauben Judas Priest an die Perfektionierung des Handwerks, mit der sie ihre Lärmgebilde errichten, bis der obligatorische Höhepunkt folgt, wenn Halford mit einer Harley auf die Bühne rollt. Dabei kommt zum Tragen, was die Band immer ausgezeichnet hat: erhabene Sinnlosigkeit, eingefangen als dampfendes Männerritual. Volker Lüke

POP

Eine Gitarre

in Berlin

Mit einer Takamine-Akustikgitarre sitzt der Hamburger Sänger und Songschreiber Wolfgang Michels auf der Bühne des Quasimodo. War lange weg, ist wieder da, mit neuem Album („Zuhause“) und frischer Band, deren Musiker kaum geboren waren als sich Michels aus der Musikszene zurückzog, vor gut 20 Jahren. Eine junge Bassistin spielt einen verwitterten Fender-Bass, der von ihrem Großvater sein könnte. „Hey Berlin“, sagt Michels, und dass er die Stadt gerne habe, „weil ich hier zur Schule gegangen bin!“ Während der Schulzeit, 1968, schickte er an die BBC seinen Song „Desert Walker“, der dort in den Charts auf Platz zwei landete, wodurch der große Bluesmann Alexis Korner auf ihn aufmerksam wurde, Michels einlud und protegierte.

Heute singt Michels deutsch und steht bei einem Berliner Sender auf Platz vier, nach Vicky Leandros. Der Song heißt „Fernweh“. Im Konzert spielt der junge Gitarrist schöne Ringel-Dingel-Byrds-Klänge und gibt zwischendurch Gas mit dem Wah-Wah-Pedal. Viele Songs klingen nach etwas Schönem aus der Vergangenheit. „Bald zuhause“ etwa nach Rio Reiser. Tatsächlich hatte Rio nicht nur dieses Lied mit Michels zusammen geschrieben. „Die Wüste“ leiht sich die Melodie beim R&B-Klassiker „Help Me“. Ein lässiger Cha-Cha-Cha vom Fünfuhrtanztee schiebt sich dazwischen und in „Langeweile“ verbinden sich kurzweilig Beatles-Partikel zu einer neuen Michels-Melodie. „Cause Me Pain“ blendet zurück in die 70er, die Zeit mit seiner damaligen Band Percewood’s Onagram. Ein Song erinnert noch einmal an spätere Songwriterzeiten in Kalifornien. Die alten Fans jubeln. H. P. Daniels

KUNST

Triebe,

zur Sonne!

Vorbei an den Bronzefiguren von Georg Kolbe gelangt man zur Kunstkammer. Der etwa drei mal drei Meter kleine, aber hohe Raum im Untergeschoss des Georg-Kolbe-Museums soll zukünftig Projektraum für zeitgenössische Bildhauerpositionen sein. Den Anfang macht Dennis Feddersen mit einer wuchernden Sperrholzskulptur (Sensburger Allee 25, bis 13. 4., Di–So 10–17 Uhr).

Feddersen, 1979 in Braunschweig geboren und an der dortigen Kunsthochschule von Johannes Brus und Bogomir Ecker ausgebildet, hat das System einer „intelligenten Skulptur“ entwickelt. „Parasite # 16“ besteht aus wellenförmig gebogenen Sperrholzbändern. Wie eine Kletterpflanze, teils zu dicken Knäueln verdichtet, besetzt (und verdunkelt) das Gewächs die Kunstkammer, erklimmt die hohen Wände. Feddersen führt den Blick des Betrachters an den Wellenlinien, Verschlingungen und Verknotungen entlang bis zur Raumdecke. Durch ein Oberlichtgitter streben zwei „Triebe“ zum Sonnenlicht. Eine Pointe der Arbeit, deren Anordnung dem eigentlich toten Material neues Pflanzenleben einhaucht. Vor allem aber fasziniert die Art, wie Feddersen den gegebenen Raum und sein Konstrukt miteinander verschränkt. Insofern führt die biologische Metapher vom „Parasiten“ in die Irre – passender könnte man von einer Symbiose von Skulptur und Raum sprechen. Jens Hinrichsen

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