Kultur : KURZ & KRITISCH

Anna Pataczek

THEATER

Krankes

Grün

Dreh- und Angelpunkt ist das Bühnenbild von Valentin Hertweck in Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend am Köpenicker Schlossplatztheater (neben dem Rathaus, Alt-Köpenick 31). In der Mitte des Zuschauerraumes steht ein Karussell mit zwei darauf montierten Stühlen. Das Publikum sitzt seitlich und darf der Jugend dabei zusehen, wie sie angeödet Runden dreht, ins Leere läuft – oder sich hinaufwirft und strauchelt, stürzt, weil sie nicht zurechtkommt im Strudel der Orientierungslosigkeit. Es ist kein Glücksrad und kein Spielplatz mehr, auch wenn sich die lebensmüde Desiree nach dem warmen Gefühl der Kindheit sehnt. Marie ist Ärztin, sie kann Mutter werden oder Hure. Sie kann Männer lieben oder Frauen. Sie könnte das Leben umarmen und will den Tod. Es gruselt fast, wie aktuell Bruckners Zustandsbeschreibung der zwanziger Jahre wirkt, aus einer Zeit, in der gesellschaftliche und moralische Werte aufweichten. Und es ist großartig, dass die 23-jährige Regisseurin Katrin Plötner ganz auf den Text vertraut und ihn nicht in die Gegenwart hievt. Dafür reichen kleine Zitate: Der Elektrosound aus den Boxen oder die Tanzschritte, die denen aus der Eiswerbung im Kino ähneln. Die Schauspieler tragen Bruckners Worte nüchtern vor. Wenn sie agieren, dann sind das immer Ausbrüche, unkontrolliert, leidenschaftlich, brutal. Seitlich angestrahlt von einem blassen Grün. Ein krankes Grün. (Wieder am 6., 7.,13., 14., 20. und 21. März, 20 Uhr) Anna Pataczek

POP

Leise

Töne

Die verrutschte Zeit. Im Kinodunkel des Babylon betritt Marc Ribot die Bühne. In der Hand einen Stapel zerknitterte Notenpapiere, an den Rändern Anmerkungen, Zeichen, Verschiebungen, hastig notiert. Es ist etwas Fahriges in diesen Noten, denen schon Teile fehlen. Zerstreut fährt sich Ribot durch die Haare. Seine Brille ist ein Spezialgestell, das um den Hinterkopf herumführt. Beim Spielen beugt er sich so tief über die Gitarre, dass die Brille sonst abfallen würde. Er beginnt mit einem Folksong, der in wilden Noise mündet, übergehend in einen Blues. Auch dieser wird zu einem Tosen. Erst im Sommer hatte Ribot mit seiner Noise-Punkband im Garten vom Haus der Kulturen der Welt gespielt und war kaum zu hören gewesen. Jetzt spielt er wie in seinen New Yorker Clubkonzerten: zerstückelt, anarchisch, in sich versunken. Es sind Collagen seiner Kompositionen, die an eine vergangene Zeit erinnern, Schnipsel von Filmmusiken, innere Landschaftsbilder des in Brooklyn lebenden Gitarristen, der mit der Einsamkeit seines blechernen Klangs die Platten von Tom Waits prägte. Es ist ein besonderer Moment, ihn da sitzen zu sehen, alles an sich herangezogen – den Verstärker, Monitor, seine Pedale und Echogeräte. Später, als er schon gegangen ist, liegen noch die Noten da, in einem Kreis um seinen Stuhl verteilt. J. Coltrane steht über dem einzigen Blatt auf dem Notenständer. Und es ist wie eine Verwehung, die Anwesenheit des Ungehörten. Maxi Sickert

KUNST

Harte

Jungs

Die „Große Sitzende“ ist ein Gast im Skulpturengarten des Georg-Kolbe-Museums. Der Schöpfer dieser Bronzefigur von 1983 steht im Zentrum einer Ausstellung über ein lokale Bildhauertradition: Hans Wimmer und die Münchner Bildhauerschule (Sensburger Allee 25, bis 13. 4., Di–So 10–17 Uhr). Das Berliner Museum kooperiert mit dem Oberhausmuseum Passau und der Ernst-Barlach-Stiftung Güstrow. In Kolbes einstigem Atelier wird die Schau aus Platzgründen verknappt gezeigt. Eigenartigerweise wandert sie nicht nach München, die dortigen Museen fehlen als Leihgeber. In Berlin aber ist die Präsentation überfällig, denn zwischen den beiden bedeutendsten Zentren deutscher Plastik des 19. und 20. Jahrhunderts gab es einst regen Austausch. „Dem jetzigen Menschen verschwindet hinter der Zivilisation die Welt“, meinte Hans Wimmer (1907 bis 1992), „Ich fühle mich verantwortlich für das Sichtbare.“ Seine „Große Liegende“ (1988/89) zeigt auch die religiöse Komponente seiner Kunst. Der Schwerpunkt des bronzenen Frauenaktes wird raffiniert verborgen. Die ganze Figur scheint zu schweben.

Doch beharrte Wimmer auf bildlichen Inhalten – im Gegensatz zu einer Moderne, die formale Mittel aus ihrem Gegenstandsbezug teilweise völlig herauslöste. Der chronologische Parcours beginnt mit Arbeiten Adolf von Hildebrands (1847 bis 1921). Als Professor der Münchner Kunstakademie wurde er zum Vater der dortigen Bildhauer-Tradition. Einfache plastische Volumen, Überschaubarkeit und formale Ausgewogenheit kennzeichnen seinen Stil, den Hermann Hahn und Bernhard Bleeker fortführten. Eine von Hahn geschaffene Marmorbüste Walter Rathenaus wurde kürzlich im Lager des Berliner Stadtmuseums entdeckt. Ebenso zu sehen ist Bleekers anmutiger „Jüngling“ (1937), der in NS-Zeitschriften abgebildet war. Fast alle Münchner Kunstprofessoren passten sich ans Nazi-Regime an. Auf der ästhetischen Ebene gibt es Parallelen zu Kolbe: Der sanfte Hildebrand-„Stil“ war gelitten, doch blieben die protzigen Krieger von Joseph Thorak (München) und Arno Breker (Berlin) die Heroen der NS-Zeit.

Im Museumsneubau sind Positionen der Nachkriegszeit ausgestellt. Es ist der schönste Raum der Schau geworden. Hier erleichtert die Pluralität nach 1945 eine kontrastreiche Präsentation. Drei Plastiken von Anton Hiller zeigen exemplarisch den sukzessiven Weg bis in die extreme Abstraktion der „Blockfigur“ (1966): zwei Kuben und zwei Kugelformen, die schwach an weibliche Brüste erinnern. Ebenso nimmt Michael Croissant Abschied vom Individuum, hält aber mit seinen helmartigen Köpfen am Menschenabbild fest. Allein Hans Matthäus Bachmayers „Antiobjekt“ aus knallig bemaltem Holz, auf einem Türblatt angebracht, schert aus. Violette Pfeile weisen in alle Richtungen. Die Tür steht offen. Jens Hinrichsen

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