Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

POP

Schwermütiger

Schamane

Die Fleet Foxes aus Seattle gehörten 2008 zu den Überfliegerbands. Ihr feines Folk- Pop-Debüt landete in vielen Jahrescharts auf vorderen Plätzen, und statt in kleinen Clubs spielte das Quintett bald in Hallen mit vierstelligem Fassungsvermögen. Einen Schritt zurück macht nun Fleet-Foxes-Schlagzeuger Josh Tillman, der mit seinem Soloprojekt in den intimen Kreuzberger Privatclub gekommen ist, um sein fünftes Album „Vacilando Territory Blues“ vorzustellen.

Barfuß und mit Akustikgitarre steht der dem jungen Kris Kristofferson ähnelnde Vollbart-Schlaks auf der Bühne. Sein voluminöser Schwermutsgesang sorgt für andächtige Aufmerksamkeit unter den rund vier Dutzend Zuschauern, die ihm teilweise auf dem Boden sitzend lauschen. Wenn der Bassist in Tillmans „Uhuus“ und „Ahaas“ einsteigt, erinnert das ein wenig an die Harmonie-Gesänge der Fleet Foxes, doch sonst geht es hier deutlich ruhiger, fragiler und melancholischer zu. Die vierköpfige Band versteht sich hervorragend darauf, behutsam Spannung aufzubauen, für einige Takte laut zu werden und dann alles wieder einstürzen zu lassen. Arrangements und Instrumentierung unterscheiden sich mitunter stark vom Album – zum Vorteil der Songs, wie sich etwa bei „Firstborn“ zeigt, das live um einiges zwingender und mitreißender gerät. Nach einer Stunde schwingen sich die bärtigen Männer zu einem Doors-haften Psychedelic-Finale auf. Tillman springt dabei in Schamanenmanier mit Rassel und Tamburin über die Bühne, bevor er den tollen Abend solo mit dem „James Blues“ abschließt. Nadine Lange

KLASSIK

Verführerischer

Solobass

Neue Wege beim Philharmonischen Chor: gegründet im 19. Jahrhundert, gewachsen aus der Tradition der Oratorienliteratur, nach dem Krieg jahrzehntelang geprägt von Hans Chemin-Petit, dann Uwe Gronostay, ist er von der Monumentalgemeinschaft zu einer flexiblen, modernen Institution geworden. Jetzt bietet er, um jungen Sängern Startchancen zu geben, einen „Talente-Campus“ an, welcher mit deutschlandweiter Hochschulausschreibung funktioniert. Was die ersten Gewinner auszeichnet, die in der Philharmonie auftreten dürfen, lässt sich in der „Petite Messe solennelle“ von Rossini hören.

Ein schlankes Soloquartett, dessen Mitglieder schon frühe Berufserfahrung hinter sich haben: Vitian Luan, Theresa Kronthaler, Youn-Seong Shim und zumal der Südkoreaner Daeyoung Kim mit verführerischem Bassbariton nehmen sehr für sich ein. Nicht zuletzt der Chor, weil er seinem Chefdirigenten Jörg-Peter Weigle als klangsensibles Instrument folgt. Die Messe, nicht kurz, aber sparsam mit zwei Klavieren und Harmonium begleitet, entfaltet vom Ostinato der Kyrie-Einleitung bis zum leisen „Dona nobis pacem“ anmutigen Zauber. Und Überraschungen wie das dem „Resurrexit“ nachgestellte Fortissimo „Credo“. Aus der repetitionsfreudigen Partitur klingt eine vergnügte, aber auch geheimnisvolle Andacht. „Keine Kirchenmusik für euch Deutsche“, so Rossini, „meine heiligste Musik ist doch immer nur semi-seria.“ Jedenfalls eine geistreiche Musik, deren Interpretation bejubelt wird. Sybill Mahlke

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