Kultur : KURZ & KRITISCH

Roman Rhode

JAZZ

Der

Nasennebenhöhlenbass

Da hätten auch die Beatles gestaunt: „Come together“ in der aufgekratzten Version des Beatboxers Sly Johnson, dazu die Trompete von Eric Truffaz im Stakkato. Auf den drei CDs seines gerade bei „Blue Note“ erschienenen Albums „Rendez-Vous“ reist der französische Jazzer einmal um den Globus. Daraus koppelt Truffaz im rappelvollen Maschinenhaus der Kulturbrauerei sein Pariser Projekt aus – ein Duo mit Sly Johnson, der zu den besten Vokalkünstlern weltweit gehört. Johnson ist sein eigenes Effektgerät. Unablässig bringt er Kaskaden von Zisch-, Schnalz- oder Sprenglauten hervor, vokale Percussion, über die er soulige Gesangsfetzen legt. Philippe Garcia, der schlagwerkelnde Dritte auf der Bühne, wird dadurch nicht arbeitslos. Er spielt teuflisch komplizierte, rasende Cross- Rhythmen, wie sie sonst nur von Computern ausgeführt werden. Und beimDancehall Reggae bringt er die Sticks zum Glühen, während Johnson einen gewaltigen Nasennebenhöhlenbass intoniert.

Truffaz hält die Spannung im Trio aufrecht. Mit seiner Trompete setzt er strahlend-perkussive Akzente oder lässt melancholische Melodielinien einfließen. Zusammen bewegen sich alle drei Musiker zwischen kontrollierter Trance und lustvoller Präzision. Das Publikum jubelt. Und stimmt bei der Zugabe euphorisch den Refrain zu Coltranes „A Love Supreme“ an. Roman Rhode

KLASSIK

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Barock

Es geschieht nicht oft, dass sich ein Publikum mit dem Titel „Große Versammlung von Apollos Stamm“ angesprochen fühlt. Zwar wird Purcells Cäcilienode, der diese Zeile entstammt, durchaus häufiger gespielt. Doch wann sieht man die Sänger dabei mit lachenden Augen und offenen Armen auf das Publikum zugehen? Die klare Haltung zum gesungenen Wort ist Programm bei „Le Jardin des Voix 2009“ im Kammermusiksaal.

Für das Projekt hat der Alte-Musik-Dirigent William Christie sechs junge Sänger gecastet und mit ihnen, dem Ensemble Les Arts Florissants und dem Regisseur Vincent Boussard ein Programm aus Madrigalen, Oden, Opern- und Oratorienszenen zwischen Monteverdi und Rameau erarbeitet. Es sind nicht bloß die schönen Stimmen und die technische Souveränität der Soprane Emmanuelle de Negri, Katherine Watson, Tehila Nini Goldstein, des Haute Contre Maarten Engeltjes, des Tenors Sean Clayton und des Bassbaritons Andreas Wolf, die den Abend zu einem bedeutenden Ereignis machen. Es ist der ehrgeizige Versuch, jene Einheit von Musik, Text und Körperlichkeit neu zu erfinden, die im Barock zum guten Vortrag dazugehörte. Die Sänger schaffen sogar Verbindungen zwischen barock inspirierten Posen und der kodifizierten Körpersprache heutiger Jugendlicher. Wie hatte es noch im Eingangschor geheißen? „Willkommen, ihr Freuden, ihr großen Vergnügen, die allem, was Sinne nur fordern, genügen!“ Große barocke Worte, gewiss. Aber sie haben nicht zu viel versprochen. Carsten Niemann

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