Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

KABARETT

Donnerschmollen

der Krisengöttin

Jetzt also: die Tragödin! Es gibt Momente in Désirée Nicks neuer Show „Ein Mädchen aus dem Volke“, die einen anständigen Feuilleton-Rezensenten ansprechen. Anlässlich ihres silbernen Bühnenjubiläums verwandelt sich die unanständigste, hoffärtigste, skrupelloseste Hauptstadt- Entertainerin in das Abbild allen Menschheitsjammers. In ein herzzerreißendes Geschöpf der Erniedrigung, in die Depri- Gestalt einer Künstlerin, deren rasende Aggression sich magenschleimhautzerfressend gegen das eigene Denkmal richtet oder eruptiv-befreiend gegen das Publikum. „Ihr seid Fremde!“ schreit die Diva in der Krise. „Ihr nehmt was von meiner Seele weg! Ihr seid ja Wände!“ Sie taumelt mit der Jubiläumstorte auf der Bühne der Bar jeder Vernunft herum (bis 23. März). Schleudert, schleudert den schmierigen Discus – ins eigene Antlitz. Kein süßer: ein starker Akt.

Madame Nick, auf dem Zenit ihres Ruhms: weiß damit nichts anzufangen. Sonst macht sie Superquote, vermarktet sich mit drei Büchern gleichzeitig, triumphiert als ewige Dschungelqueen. Hier hat sie offenbar keine Idee, keine fiktive Vita, keinen Plot zur Strukturierung ihrer Abendplauderei mehr zur Hand. Perfekt sind nur, wie stets, die Fummel: karierter Faltenrock, Glamourdirndl, quietschlila Cocktailkleid, Pailletten-Neglige. „Wir werden immer alle nackt geboren, der Rest ist Travestie“, philosophiert die gelernte Religionspädagogin. Vor ungefähr anderthalb Jahrzehnten hatte sie gestanden: ihr Lieblingschanson sei „Allein in einer großen Stadt“! Sie genieße den Geruch frischer Bettwäsche im Schrank! Damals haben wir ihr, irgendwie, geglaubt. Sie glaubt sich heute selbst nicht mehr. Ihr Programm bedient den Fotografen-Aufmarsch, Zoten-Fans, Genießer von Promi-Schmäh – und mit der tragischen Parodie das Feuilleton. Ansonsten singt sie piepsend, agiert oft seltsam puppenhaft. Die finale Pointe bleibt aus. Stattdessen, als Zugabe für Fäkalfans: ein langer Griff ins Klo. Thomas Lackmann

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