Kultur : KURZ & KRITISCH

Philipp Lichterbeck

DISKUSSION

Narren zu

Hilfstruppen

Von Otto Schily ist das Zitat überliefert, dass die Grünen – sollten sie einmal an die Macht gelangen – bei Staatsbesuchen keine Militärkapelle, sondern BAP spielen lassen würden. Da war Schily freilich selbst noch Grüner und nicht SPD-Innenminister. Aber das Statement zeigt, wie sehr die Politik seit den Achtzigerjahren die Berührungsängste zur Populärkultur verloren hat. Gleichzeitig gibt es heute den Typ Star, der kraft seiner Popularität versucht, direkt Einfluss auf die Politik zu nehmen. Bestes Beispiel ist Herbert Grönemeyer, der beim G8-Gipfel in Heiligendamm mit Angela Merkel posierte. Im Gegenzug versprach Merkel 700 Millionen Euro Entwicklungshilfe, die aber nie flossen. Inwiefern also Pop und Politik voneinander profitieren und ob Kunst, die sich der Politik andient, nicht ihre autonome symbolische Kraft verliert, wären interessante Fragen gewesen.

Leider aber ist das Podium im Roten Salon der Volksbühne mit der Fragestellung Pop und Politik – Mitspieler oder Gegenspieler? überfordert. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, die in den Achtzigern die Band Ton Steine Scherben managte, redet zwar 75 Prozent des Abends, schwelgt aber meist in alten Zeiten, als Musik noch „eine Waffe gegen die spießige Gesellschaft“ gewesen sei. Sie versteht Pop immer dann als politisch, wenn er grüne Anliegen unterstützt und meint: „Eine Koalition zwischen mir und Westerwelle wäre eine neue Form von Punk.“

Roths Predigerinnenton geht Peter Hein, dem Sänger der legendären Punkband Fehlfarben, so auf den Zeiger, dass er sich in einer pubertären Verweigerungshaltung einnistet. Die Scherben seien Mist gewesen, Pop und Politik sollten getrennte Wege gehen und außerdem gehe es ja immer nur um Kohle. Hein deutet richtig an, dass Pop jegliches subversives Potenzial verliere, wenn er sich in Politik-Debatten einmische, weil er sich dann herrschenden Diskursen unterwerfe. Zwischen Roth und Hein sitzt der Politologe Jörg- Uwe Nieland, der die Beziehung zwischen Pop und Politik zwar erforscht hat, aber so gut wie nie zu Wort kommt. Da kann auch der zu spät eintreffende Moderator der Runde, der Journalist Hajo Schumacher, nichts mehr retten. So bleibt das drängendste Thema des Abends, die Kaperung des Pop durch Rechtsextremisten, unbehandelt. Auf Neonazi-Demos läuft heute Ton Steine Scherben: „Allein machen sie dich ein.“ Philipp Lichterbeck

KLASSIK

Zwölf Freunde

sollt ihr sein

Kein Kind soll aus finanziellen Gründen darauf verzichten müssen, ein Instrument zu erlernen. Das ist das Credo der Musikschulstiftung Berlin. Sie ist noch jung, hat aber schon sonore Freunde. Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker stiften den Erlös eines Konzerts und schenken sich und ihrem Publikum in der Philharmonie Überraschungen und Evergreens.

Dem Klangrausch, den ein Orchester aus Celli auszulösen vermag, erliegen immer wieder Komponisten, die ihre Werke auf gut Glück an die 12 Cellisten schicken. Bei denen fällt einiges hinter den Schrank, wie der erste Solocellist Ludwig Quandt launig gesteht. Beim Stöbern entstand die erste Konzerthälfte, die passend auch das Werk einer überaus jungen Komponistin enthält. Die Schweizerin Ursina Braun ist Fan der 12, seit sie zehn Jahre alt ist. Jetzt ist sie 16 und erlebt, mit welcher Hingabe die Cellisten durch ihr effektvolles Werk „Das etwas andere Schlaraffenland“ tanzen. Den Titel kann Ursina schlagend erklären: „Es ist ein ziemlich süffiges Stück.“ Das gilt auch für Sergio Cárdenas’ „Huapangos“, das nach Ansicht des mexikanischen Komponisten am besten „mit der Hüfte“ zu spielen ist – für traditionell sitzende Cellisten ein Akt musikalischer Akrobatik. Für ihren verstorbenen Kollegen Jan Diesselhorst spielen die 12 Verdis „Ave Maria“, an das sich meditativ Kaija Saariahos „Neiges“ anschließen, Erkundungen des Schnees und der Kälte.

Mit eigens für sie arrangierten Werken von Piazzolla, Glenn Miller und Morricone brennen die 12 danach ein Hitfeuerwerk ab, das von Seufzen bis Kreischen keine Stimmungslage unangetastet lässt. Schleswig-holsteinischer Bossa Nova grüßt rosaroten Panther. Cello müsste man spielen können! Ulrich Amling

NEUE MUSIK

Die Freiheit

der Andersklingenden

Ein schlaksiger Mann mit Sonnenbrille und rotem Jacket rennt auf die Bühne und entlockt einem Klarinettenmundstück vogelähnliche Schreie. Seine nicht minder abenteuerlich gewandeten Kollegen erforschen ebenso wild die Klangextreme von Cello, Posaune und Klavier. Martin Daske und Rainer Rubbert haben die Ensembles eingeladen, die bei der ersten Unerhörten Musik im Februar 1989 aufgetreten sind. Im brechend vollen Domizil der Berliner Kabarett-Anstalt in Kreuzberg wird das 20-jährige Jubiläum einer lokalen Institution gefeiert. Was die etablierten Spielstätten verschmähten, was gänzlich unbekannt oder vernachlässigt blieb, findet hier sein Forum. Manche Musikerkarrieren wurden von hier aus angeschoben: So spielte hier zum ersten Mal das Modern Art Sextett oder der mittlerweile weltweit begehrte Saxofon-Performer Ulrich Krieger. Wer ein einigermaßen passendes Programm einreicht, bekommt hier seine Chance. „Wir sind strenger geworden“, meint Rubbert: „Bartók oder Prokofjew dürfen nicht mehr gespielt werden.“ Alles andere stellt sich freier, unzensierter Diskussion. Isabel Herzfeld

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