Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christiane Peitz

KLASSIK

Die Zähne

blecken

Prokofjews Fünfte Sinfonie, 2. Satz, Allegro marcato. Gustavo Dudamel lässt im Zeitraffer Armeen aufmarschieren, die Mechanik rotiert, metallisch blitzender Klang, messerscharfkantige Rhythmen. Zack, der Einwurf der Violinen, zack, noch einer vom Blech. Im Mittelteil bleckt die Musik die Zähne, veranstaltet Pantomimen und Slapsticks in eigener Sache: Prokofjews Klassizismus als selbstironische Groteske. Und Dudamel, der energiesprühende Derwisch aus Venezuela,verwandelt die Berliner Philharmoniker in einen zuckenden Klangkörper.

Nach seinem Philharmoniker-Debüt letzten Sommer in der Waldbühne nun die Indoor-Premiere mit dem Orchester – im September war der 28-jährige Dirigent bereits mit seinem Simón-Bolívar-Jugendorchester in der Philharmonie aufgetreten. Diesmal tänzelt Dudamel weniger, als dass er mit senkrecht die Luft teilendem Taktstock die Geister in Schach hält, mit irrwitzigen Accelerandi, unerbittlichen Ostinati und Orgelregister-starkem Klangfarbenauftrag. Rachmaninows symphonische Dichtung nach Böcklins „Toteninsel“, Strawinskys Violinkonzert, Prokofjews Opus 100, komponiert gegen Ende des Zweiten Weltkriegs – lauter Musik, die gewaltig Stimmung macht und unter Schmerzattacken leidet.

Versuch über das Bodenlose: Rachmaninows gespenstisches Toten-Wiegenlied erklingt auf unsicherem 5/8-Grund. In Strawinskys mit Synkopen und zerfleddertem Volkston durchsetztem D-DurKonzert bewegt sich die Solo-Geigerin Viktoria Mullova als hellhörig unerschrockene Ruferin durch heillos zerklüftete Landschaften. Höhepunkt des Abends ist zweifellos Prokofjews B-Dur-Sinfonie. Pathos und Panik, jeder Schlag eine Aufforderung zum Kraftakt, zum verzweifelt-fröhlichen Weltuntergang. Dudamel lässt den Saal beben. Das Verblüffende dabei ist, dass er bei keinem noch so schwergewichtigen Schritt das Nachfedern vergisst. Christiane Peitz

POP

Den Abschied

beschwören

Rosanne Cash kommt nicht ganz in Schwarz wie Johnny Cash, der „Man In Black“, ihr Vater. Ihre Haare schimmern rötlich, die Ohrhänger blinken kupfern, auf den Schuhen glitzert es golden. Sie setzt sich an den schwarzen Flügel, spielt ein paar dunkle Akkorde und singt die melancholische Ballade „I Was Watching You“ vom letzten Album „Black Cadillac“, das von der Trauer um den Tod ihres Vaters und dessen Frau June Carter sowie ihrer Mutter Vivian Liberto handelt. Ihre erste Platte hatte sie 1978 in München aufgenommen, aber erst letztes Jahr ist sie wieder in Deutschland aufgetreten.

„Great to be back!“ Begeisterte Zustimmung aus der voll besetzten Passionskirche. Rosanne hängt sich eine edle MartinAkustikgitarre um, singt „Dance With The Tigers“ vom bitter-süßen Album „Interiors“, in dem sie 1990 all die gemischten Gefühle nach der Scheidung von ihrem damaligen Ehemann, dem SingerSongwriter Rodney Crowell, verarbeitet hat. Immer wieder geht es um Trennung, Abschied, Trauer. Im Spektrum von Country und Rock ’n’Roll, wobei die sparsame Instrumentierung und Konzentration auf den natürlichen Ausdruck der warmen Altstimme dem Auftritt eine Folk-Note geben. Die Enttäuschung über die Abwesenheit des Gitarristen John Leventhal, Rosannes Ehemann, der vorzeitig nach New York zurückkehren musste, löst sich auf in Freude über den Percussionisten Earl Harvin und den Berliner Andreas Binder, der auf akustischen und elektrischen Gitarren Rosannes Stimme rhythmisiert, melodisiert. Bevor sie wieder solo Lucinda Williams’ „Crescent City“ sowie die eigenen Songs „The Wheel“ und „Western Wall“ interpretiert.

Als sie 18 war, erzählt sie, hat der Vater ihr eine Liste mit 100 Countrysongs gegeben, die sie lernen sollte, um die Musik besser zu verstehen. Eine Auswahl davon wird auf dem nächsten Album erscheinen. Heute singt sie schon mal Bobby Bares’ „500 Miles“ und vom Vater „I Still Miss Someone“ und „Big River“. Am Ende sind alle glücklich. H.P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben