Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Ulrich Amling

KLASSIK

Museumsbesuch

mit Theorbe

Angenehmer kann man keinen ersten Blick auf das Neue Museum werfen. Während tagsüber Tausende im Nieselregen ausharren, kommt abends eine überschaubare Schar in den Genuss der neuen alten Raumfluchten. „Timeless“ heißt das Programm, das Musik und Tanz zum sinnlichen Raumerlebnis verbindet. Die Lautten Compagney stellt Kompositionen des Monteverdi-Zeitgenossen Tarquinio Merula neben die Minimal Music von Philip Glass, während die Leipziger Choreografin Heike Henning vier Tänzer durch die Säle schickt. Sie geben den Takt vor, von mahnenden Gongschlägen getrieben, in dem die Zuschauer durchs zweite Obergeschoss fluten.

Seit Sasha Waltz’ „Dialogen“ im Jüdischen Museum wird die architektonische Ersterkundung gerne dem Tanz überlassen. Waltz wird ab 18. März auch das Neue Museum bespielen, mit 70 Tänzern. Doch auch wenn die Sammlungen noch nicht im neuen Quartier eingetroffen sind – das Haus ist mitnichten auf choreografische Belebung angewiesen. Im Gegenteil, der von David Chipperfield wiederhergestellte Bau ist ein faszinierendes, forderndes Kaleidoskop der Geschichte, der deutschen zumal. Hennings Choreografien wirken harmlos darin und beanspruchen mehr Aufmerksamkeit, als sie Anregung bieten. Die Lautten Compagney dagegen öffnet Gedankenräume, mit zartem Theorben-Duett im Mittelalterlichen Saal und aquatischen Strudeln im Ägyptischen Hof. Ihr abschließendes Konzert im Griechischen Hof zaubert einen tranceartigen Zustand herbei, der dem Titel des Abends alle Ehre macht. Ulrich Amling

NEUE MUSIK

Unterm

Schmiedehammer

Lars Petter Hagen war von Johannesburg wie erschlagen. Die Spannung zwischen Arm und Reich hat dort stacheldrahtgekrönte Mauern emporschießen lassen, die nur noch mit Vuvuzelas zu durchdringen sind, den Plastiktröten südafrikanischer Fußballfans. Der norwegische Komponist kreuzt sie dezent mit klassischem Instrumentarium und lässt in seinen „Johannesburg Hymns“ einen Brief verlesen, in dem er sich von seinem Werk ironisch distanziert: Mission impossible. Es ist riskant, 16 junge Tonsetzer in vier Megastädte zu schicken, und spannend zu hören, was dabei rauskommt.

Nach „Into Istanbul“ hat das Ensemble Modern jetzt „Into Johannesburg“ im Konzerthaus präsentiert. Prätentiöser als Hagen scheitert Lucia Ronchetti, die zu gehobener Fremdenführerprosa vom Band zitatreiche Sounddekoration liefert, während Jörg Birkenkötter korrekte deutsche Avantgarde auf Basis der 80er Jahre schreibt. Für Luke Bedford hat sich die Reise gelohnt: In „By the Screen in the Sun at the Hill of the Gold“ härtet der 31-jährige Brite die Aggressivität der Stadt zu fremden Mischklängen, metallisch, kompakt, reiht Ketten von Tönen wechselnder Legierung zu Bögen, in denen man die Brandung vernimmt, aber keinen Ausweg. Die Freiheit dieser Musik, von Sian Edwards glasklar dirigiert, liegt darin, dass Bedford die Schläge der Stadt nicht abwehrt, sondern unter ihnen seine Klänge schmiedet. Volker Hagedorn

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