Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Adieu Europa

Eine ganze Konzerthälfte Hindemith im Kammermusiksaal, ist das nicht selbst für Kammermusikfreaks zu viel? Diese leicht spröde Moderne, der akademischer Gediegenheit den aufrührerischen Impetus ausgetrieben zu haben scheint? Nicht so bei den charismatischen Musikern von Spectrum Concerts Berlin. Der leuchtende, mit sanfter Melancholie behaftete Klarinettenton des Lars Wouters van den Oudenweijer gibt der kargen Sonate von 1939 bestechende Farbnuancen, ganz zu schweigen von der fabelhaften Leichtigkeit dieses Ausnahmeklarinettisten in komplexen polyphonen Strukturen. Die Pianistin Ya-Fei Chuang hält sie filigran und transparent – was auch dem Quartett von 1938 zugute kommt, bei dem Violine (Annette von Hehn) und Cello (Frank Dodge) ausdrucksvoll hinzutreten. Stärker als diese Abschiedswerke aus der Zeit vor der Emigration in die USA ist das 1955 vollendete Quintett für Klarinette von aggressivem Schwung und ironischen Pointen gepräg, ein Juwel von feurigem Schliff. Brahms’ Streichsextett G- Dur besänftigt nach der Pause, fast ein bisschen fade nach so viel mitreißender Energie. Doch wieder fasziniert die Feingliedrigkeit, ein Geben und Nehmen der Stimmen, das die Binnenstruktur lebendig machen und diskret zurücktreten lässt. Murmelnde Bratschenbewegungen, aus denen sich die Violinen silbrig erheben, um vom Cello kraftvoll beantwortet zu werden. Isabel Herzfeld

ARCHITEKTUR

Bonjour Portugal

Da steht er leibhaftig bei der Vernissage, sagt ein paar Worte und sieht so gar nicht wie der Superstar der portugiesischen Architektur aus: Alvaro Siza. Mit zwei Projekten ist er in der Ausstellung Portugal außerhalb Portugals in der Galerie Aedes vertreten (Christinenstr. 18/19, bis 9. 4., Katalog 10 €): mit einer wundervollen Preziose aus strahlend weißem Beton für die Stiftung Iberê Camargo im brasilianischen Porto Alegre und einem sanft gewölbten Pavillon in Korea. Zu Berlin besitzt Siza eine besondere Beziehung; vor gut 25 Jahren entstand mit dem so sinnig wie ironisch „Bonjour Tristesse“ bezeichneten Kreuzberger Wohnkomplex für die IBA sein erster Bau im Ausland. Inzwischen beweisen Büros wie Aires Mateus oder João Luís Carrilho da Graça, dass die südliche Sinnlichkeit der portugiesischen Architektur kein Zufall ist. Die mal minimalistische, mal plastisch-skulpturale Moderne sind zu Aushängeschildern des Landes geworden. Doch je stärker der Exportartikel Architektur zum Wirtschaftsfaktor wird, desto schwieriger wird es auf den globalisierten Märkten, die Eigenheiten fortzuschreiben. Jürgen Tietz

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