Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Carsten Niemann

KLASSIK

Wedekind

trifft Vivaldi

Hier ist also die Rungestraße 12. Ein Bürogebäude am Eingang eines munkeligen Straßenstummels zwischen Jannowitzbrücke und Heinrich-Heine-Straße. Einst mit frischem Investorenmut für seriös-solvente Dienstleister gebaut, scheint es nun etwas desillusioniert aus seinen leeren oberen Etagen in die Gegend zu blicken. Nur im Erdgeschoss tut sich was: Hauptstadtoper steht in schicken grünen Lettern an der verglasten Straßenfront geschrieben. Innen ist der Fußboden mit Gartenerde ausgefüllt, dekorativ von Glühlampen beleuchtet, die dicht über dem Boden hängen. Wenig später wird sich hier die Sopranistin Kirstin Hasselmann wälzen und mit voller, lustvoll vibrierender, wenn auch in der Höhe nicht ganz mühelos geführter Stimme Frank Wedekinds Lied vom dicken Bäckerpaar singen – und zwar zur Musik des Herbsts aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, frei und überraschend stimmig arrangiert für Cello (Johannes Zapotocky), Gitarre (Takashi Peterson), Mandoline und Percussion (Andreas Bühler). Zugleich wird sie Kartoffeln aus dem Boden graben und in ihren Ausschnitt stecken, der alsbald zu einem wunderbar grotesken Symbol der Lebensernte anschwillt. Dass der verspielte Abend nicht ins Alberne abgleitet, dafür sorgt neben der Bühnenpräsenz der Solistin vor allem die strenge, pekuniär wie poetisch motivierte Ökonomie der Mittel, derer sich die Regisseurin Ulrike Gärtner wie Raumgestalter Wolf Gutjahr bedienen. Und so hängen am Ende die Glühlampenkabel wie Henkerschlaufen über der Friedhofserde. Der Besucher aber möchte Berlin dafür knuddeln, dass hier wirklich an jeder Ecke anregende Opernexperimente lauern (weitere Vorstellungen bis zum 3. Juli. Infos: www.hauptstadtoper.de). Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar