Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Warten

auf Verdi

So also klingt kollektive Bewunderung, gekleidet in ein Trauergewand. Ein Requiem als Mannschaftswerk. Nach dem Tod des verehrten Gioacchino Rossini lud Verdi 1868 die bedeutendsten italienischen Komponisten der Zeit ein, um gemeinsam die Messa per Rossini zu schaffen. 13 Abschnitte einer Totenmesse, der letzte vom Auftraggeber selbst vertont. Schon die Uraufführung kam jedoch aufgrund der extrem aufwendigen Besetzung mit fünf Gesangssolisten, großem Chor, Orchester und Orgel nicht zustande. Der StudioChor Berlin und die Junge Sinfonie Berlin stellen sich im Konzerthaus immerhin der Aufgabe. Auch sie aber drohen in den Ausmaßen dieses Werkes unterzugehen. Was im Kyrie noch nach mächtiger Introduktion klingt, in der Dirigent Joachim Geiger Orchester und Chor bewusst gegeneinander ausspielt, entpuppt sich später als Kapitulation vor der Masse der Messe. Das junge Orchester kann sein Klanggespür nur dann aufblitzen lassen, wenn der Chor schweigt. Der wiederum überzeugt mit sehr differenziertem Ausdruck, beweist aber wenig Zurückhaltung gegenüber Instrumentalisten und Solostimmen. Dann die nächste Herausforderung: 13 Meister, von denen 12 heute in dunkle Vergessenheit geraten sind. Kann man da Individualstile herausarbeiten? Immerhin in der Differenzierung von monolithisch sich steigerndem Confutatis und polyfon gewebtem Lacrimosa gelingt eine beglückende Antithese. Ein Höhepunkt – neben dem zart-klagenden Alt von Saskia Klumpp, die als Einzige aus dem Solistenquintett heraussticht. Der Rest ist Warten auf Verdi. Und der verdeutlicht in seinem erst rezitativen, dann wunderbar klangtiefen Libera me, warum man ihn bis heute feiert. Daniel Wixforth

POP

Epische

Größe

Die Vergleiche mit Jimi Hendrix sind nachvollziehbar. Nicht nur wegen des Afros, der auf dem Kopf von Ausnahmegitarrist Omar Rodriguez Lopez wuchert; auch wegen der Entschlossenheit, in seinen Saitenexperimenten bis zum Äußersten zu gehen. Sein Sound gleicht allerdings weniger warmem Voodoozauber als kaltem Progrock, wenn auch gefüttert vom rhythmischen Reichtum lateinamerikanischer Musik. So ein Mucker braucht ein Korrektiv. Das kann ein breiteres Publikum sein, wie er es 2001 durch den Split von At The Drive-In zurückließ. Das kann ein markanter Sänger sein wie Cedric Bixlar-Zavala, mit dem er The Mars Volta vorsteht; oder die egalitäre Dramaturgie eines Jazzkonzerts wie vor drei Jahren, als das Rodriguez Lopez Quintet den Magnetclub überrollte.

Im Festsaal Kreuzberg dagegen künden schon die überflüssigen Videoprojektionen von Zerstreuung. Über durchlaufenden Grundpatterns feuert Rodriguez Lopez surreale Supernova-Gewitter ins All, die einander ständig überstrahlen. Für größtmögliche Erdung sorgt die wunderbar prägnante Rhythmusgruppe, während die beiden Keyboarder eher als Füllmaterial dienen und die blutjunge Sängerin, die gelegentlich ans Mikro tritt, ordentlich pressen muss, um durchzukommen. Das Spiel ist fraglos beeindruckend, und durch die verschwenderischen Jams reißen die immer wieder von der Leine gelassenen Hauptmotive umso stärker mit. Die haben die epische Größe von Filmmusik und lassen ahnen, was ein konzentrierter Einsatz der Mittel bewirken könnte. Aber das wäre Rodriguez Lopez wohl zu einfach. Kolja Reichert

ARCHITEKTUR

Häuser

mit Zierrat

Immer wieder hat sich der im Januar 2009 verstorbene Berliner Hochschullehrer Jonas Geist, der bis 2002 die Professur für Geschichte, Theorie und Kritik der Architektur an der Universität der Künste innehatte, mit der Baugeschichte der Stadt auseinandergesetzt. Seine gemeinsam mit Klaus Kürvers verwirklichte dreibändige Geschichte des Berliner Mietshauses gilt als Standardwerk (Bd. I: 1740-1862, Bd. II: 1862-1945, Bd. III: 1945-1989. Zus. 1752 S., 1975 Abb., PrestelVerlag, München, Neuauflage 2001). Mit der Neuausgabe seiner 2003 mit Studenten verwirklichten Ausstellung „Gründerzeit“ erinnert die Galerie „dr.Julius/ap“ (Leberstraße 60, bis 31. März, Do-Sa 13-18 Uhr) nun an ein Projekt von Geist: Gezeigt werden nebeneinander aufgereihte Fassadenansichten von Berliner Wohnhäusern, die aus den Gründerjahren nach der deutschen Reichseinigung stammen. Für jedes Jahr zwischen 1871 und 1914 steht eine typische Fassade – ergänzt um knapp gehaltene Hinweise auf historische Ereignisse.

Die Fotos dokumentieren, wie sich im Lauf von gut 40 Jahren die Gesichtszüge der Häuser veränderten: von der opulenten Neorenaissance im italienischen Stil über den bewegten Neobarock bis zum beruhigten Neoklassizismus am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Geists Projekt erweist sich als eine subtile Schule des Sehens, die die Wahrnehmung auf die typischen – und später jahrzehntelang missachteten – Berliner Mietshausfassaden lenkt. Es sind die Gesichter einer Epoche, deren Säulen, Pilaster, Skulpturen und Ornamente den Betrachter zu einer Entdeckungsreise durch Berlin einladen. Jürgen Tietz

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