Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker HagedornD

KLASSIK

Bis ans Ende

der Welt

Die Erde ist eine Scheibe, sonnenlos. In Mahlers finalem Adagio kann man das erleben. Das Fragment der Zehnten ist, trotz aller biografischen Bezüge, etwas anderes als Schrei und Schmerz um eine brechende Beziehung, es geht ans menschenleere Ende der Welt, an den Rand. Daniel Barenboim führte die Staatskapelle im Konzerthaus durch eine mondhelle Wüste bis über die Felsen, hinter denen das Festland ins Schwarze wegbröckelt. Er dirigierte keine Gefühlssinfonie, auch keinen Beginn der Moderne, er gab dem Material Gewicht und ließ es schweben. Wo auseinanderstrebende Linien theoretisch gerade noch tonal legitimiert sind, praktisch aber schon das Gravitationsfeld verlassen, lässt er sie konturscharf mit einer Emphase spielen, als könne man im luftleeren Raum noch atmen und Fuß fassen. Grandios.

Lichtes Pendant dazu war Elliott Carters „Partita“ von 1993. Fragmente der Welt fügen sich zur Kugelgestalt, einer gänzlich durchsichtigen, schwerelos, aber durchzogen von Spannungen, denen Dirigent und Orchester mit so beglückender Sicherheit folgten, als sei’s ein Stück von Brahms. Noch 50 Jahre, dann ist es ein Klassiker; das Einzel-Buh nach der Aufführung wirkte schon wie ein historisches Relikt. Zwischen Mahlers und Carters Extremen machten es sich die Interpreten beim populärsten Werk des Abends fast zu gemütlich: Béla Bartóks drittes Klavierkonzert mit Radu Lupu, 1945 komponiert, klang wie ein Stück Romantik mit modernen Applikationen. Aber vielleicht ist es das auch. Volker Hagedorn

POP

Der Zauber wirkt

immer noch fort

Bratz. Knister. Schrapp. Was für hässliche Geräusche Jamie Hince seiner E-Gitarre entlockt! Das Konzert der Kills im ausverkauften Postbahnhof dauert erst wenige Minuten, und man fragt sich, wie weit das britisch-amerikanische Duo mit seiner Abstrahierung überkommener Blues- und Rockformen noch gehen will. Doch halt, Entwarnung: Es ist nur ein technischer Defekt.

Das musikalische Konzept der Kills ist denkbar einfach: Von der Festplatte kommen primitive Beats, die nach Kotelettklopfen klingen. Darüber fackeln Jamie Hince und Alison Mossheart ein Sperrfeuer an verzerrten Gitarrenriffs ab, wobei der Brite für die expressiven Parts zuständig ist. Beide teilen sich den Gesang, hier übernimmt Miss Mossheart die Führung. Ihre schmeichelnde, kratzige Stimme wird oft zu einem furiosen Fauchen. Den zweideutigen Anteil ihrer Performance haben die Kills reduziert, auch wenn Hince mit der Gitarre immer noch unmissverständliche Stoßbewegungen vollführt. Das Kaputte ihres Auftritts verstärkt den Effekt der Bluesrock-Klumpen. Als Zugabe werfen sie dem tobenden Publikum noch eine grandiose Coverversion hin: „I put a spell on you“, das über 50 Jahre alte Erkennungsstück des Rock‘n‘Roll-Schamanen Screamin‘ Jay Hawkins, wird zum elektrisch zuckenden Hexenritual, das der Intensität des Originals in nichts nachsteht. Jörg Wunder

KUNST

Bis an die Grenzen

der Kraft

Beckmann, Chagall, Dalí. Immer wieder sahen sich Künstler herausgefordert, Teile der Bibel zu illustrieren. Günther Uecker hat für die Kunstdruckerei von Har-El in Tel Aviv das alttestamentarische Buch Hiob bebildert. Ein Exemplar des 47-teiligen Zyklus hat die Kunstsammlung des Bundestages angekauft. Bevor die Tafeln in den ebenfalls von Uecker gestalteten Andachtsraum ins Reichstagsgebäude wandern, werden sie im KunstRaum im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus gezeigt (bis 10. Mai, Di–So 11–17 Uhr).

Hiob ist ein glücklicher Mann. Bis Satan eines Tages Gott vorschlägt, dessen Gottesliebe auf die Probe zu stellen: Hiob verliert seine zehn Kinder, seine Herde. Als er an einem bösartigen Geschwür erkrankt, klagt er Gott an: Warum müsse er leiden?  Der Allmächtige weist ihn in die Schranken. Daraufhin bereut der Mann seine Anmaßungen, und Gott stellt seinen Reichtum doppelt wieder her. „Alt und lebenssatt“ stirbt Hiob mit 140 Jahren.

Die Geschichte hat eine urgewaltige Kraft, die Uecker entgegenkommt. Immer schon verarbeitete er mit vollem Körpereinsatz das Motiv des verletzten Menschen. Auch die abstrakten Bilder, die er dem hebräischen Bibeltext und der Übersetzung Luthers an die Seite stellt, zeigen Spuren eines energischen Schaffensprozesses: gestempelte, ausgeschabte, gespritzte Strukturen. Wirbel, Kreise, Dreiecke. Schwarze Farbe – und Sand. Dieser hält durch das Terragraph-Verfahren, eine spezielle Drucktechnik auf dem Papier. Der Sand ist ein Symbol der Wüste, des Nahen Ostens, der biblischen Geschichten schlechthin. Anna Pataczek

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