Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick WildermannD

THEATER

Hymne an das

Doppelstockbett

Oben oder unten, hell oder dunkel? An solchen Fragen kann das Wohl und Wehe hängen, für jeden, aber für Kinder besonders. Die Geschwister Max und Milli streiten zum Beispiel erbittert darum, wer im Etagenbett den Platz an der Sonne bekommen darf – überhaupt, das Zubettgehen, ein ewiger Kampf. Und doch dämmert den beiden bald, welche Luxussorgen sie haben und welches Glück mit ihrer alleinerziehenden Mama, die lässt nämlich nachts im Flur das Licht brennen, gegen die Gespensterfurcht. Während Max’ und Millis neue Spielplatzbekanntschaft Peter von seiner Stiefmutter schon mal in die dunkle Kammer gesperrt und vom Vater auch mal gehauen wird. Das Stück des Grips-Intendanten Volker Ludwig mit der Musik von Birger Heymann ist über 30 Jahre alt, aber zeitlos frisch geblieben, und entsprechend mitreißend feiert es in der Regie von Rüdiger Wandel seine mittlerweile vierte Premiere im Grips-Theater am Hansaplatz (wieder 21. und 31. März). Die rührende Geschwistergeschichte ist einer der größten Grips-Export-Erfolge, mit über hundert Nachinszenierungen in 28 Ländern, in Indien hat sie das Doppelstockbett populär gemacht. Es gibt eben nur wenige Stücke, die derart universell von Kindersorgen erzählen. Regisseur Wandel und sein tolles Ensemble, Kathrin Osterode als Milli und Roland Wolf als Max, Daniel Jeroma in der Rolle des Peter, Claudia Balko als Mutter und Jörg Westphal als Peter-Papa, besitzen Timinggespür und Talent für die hübsch-eingängigen Songs, darunter der Gutenachtklassiker „Es ist schön ins Bett zu gehen“. Am Ende wird die Bühne von singenden und hüpfenden Kindern gestürmt wie der Fußballplatz nach dem Pokaltriumph. Es dürfte wieder ein Hit werden. Patrick Wildermann

POP

Tremolo für

tausend Träume

Die meisten haben das Rentenalter überschritten. Die Atmosphäre am Mittwochabend im Tempodrom erinnert an eine Mischung aus Butterfahrt, Firmenjubiläum und Möbelhauseröffnung. Das „Orchester Bobby Bauer“ spielt eine Ouvertüre mit Uffta und es ertönt eine Kaufhausstimme: „Erleben Sie an einem unvergesslichen Abend das Supertalent Michael Hirte!“ Der ist ein charmant schüchterner Typ, Marke: netter Kerl von nebenan, im hellblauen Hemd, mit verwaschenen Jeans, Mütze und keckem Bäuchlein.

Der „Mann mit der Mundharmonika“ ist ein Phänomen, weniger künstlerisch als soziologisch. Ähnlich wie beim Waliser Paul Potts ist seine Geschichte immer wieder über den Boulevard gezerrt worden: nach schwerem Unfall verlor der LKW-Fahrer aus dem Spreewald seine Arbeit, blieb auf einem Auge blind und kann wegen eines kaputten Beins nur noch hinken. Unglück auf der ganzen Linie, bis der Hartz-IV-Empfänger, der sich als Mundharmonikaspieler in der Potsdamer Fußgängerzone ein bisschen Geld dazuverdiente, per Fernsehwettbewerb zum „Supertalent“ mutierte. Woraufhin über eine halbe Million Menschen seine zum Weihnachtsgeschäft eilig bespielte CD kauften und jetzt in die Konzerte strömen. Sicher nicht, weil Hirtes Mundharmonikaspiel besonders hervorragend wäre, sondern wegen dieser rührenden Geschichte: vom Verlierer zum Superstar. Weil er eine ideale Projektionsfläche bietet für Träume, zu denen jetzt enthusiastisch Leuchtstäbchen geschwenkt werden. Zu Klatschmarsch und Tremolo, zwischen „Stand By Your Man“, „Ännchen von Tharau“, „Tränen lügen nicht“ und „Knockin’ On Heaven’s Door“.

Weil eine dubiose Liedersammlung als Harmonika-Solo-Version nicht abendfüllend ist, hat man dem wackeren Michael Gäste zur Seite gestellt. Kathy Kelly aus der berüchtigten Family singt strapaziös Irisches und Spanisches. Noch anstrengender sind die Einlagen des öligen Schlagertenors Silvio d’Anza, der in Kitsch badet und den Schmachtfetzen „Time To Say Goodbye“ ins gerührte Auditorium schwülstelt. Fast erleichtert ist man, als „unser Michael“ zum Schluss allein auf der Bühne steht und „Que Sera“, „La Paloma“, „Horch was kommt von draußen rein“ und „Muss I denn zum Städtele hinaus“ bläst. Ein Phänomen. H.P. Daniels

FILM

Stoff für

starke Sprüche

Guy Ritchie hat als Exmann von Madonna weitaus mehr Aufsehen erregt als durch sein filmisches Werk. Nach dem Debüt „Bube, Dame, König, Gras“ wurde der britische Filmemacher 1998 als Kultregisseur gefeiert. Mit der Gangsterkomödie „Snatch“ konnte er sich erfolgreich in den Mainstream manövrieren. Aber nach der Promi-Hochzeit folgte der kreative Absturz. „Swept Away“ mit Gattin Madonna in der Hauptrolle ging bei Kritik und Publikum unter. „Revolver“ kam in Deutschland erst gar nicht in die Kinos.

Nun begibt sich Ritchie mit RocknRolla wieder dorthin, wo er sich am wohlsten fühlt: in die Londoner Unterwelt. Auch dramaturgisch arbeitet er nach bewährter Rezeptur. War es in „Bube, Dame, König, Gras“ eine Ladung Dope, in „Snatch“ ein Diamant, sind es nun in „RocknRolla“ ein Gemälde und sieben Millionen aus Immobiliengeschäften, um die sich rivalisierende Verbrecherkollektive zanken. Habgier ist die treibende Kraft der Geschichte, in der sich ein Pate alter Schule (Tom Wilkinson), ein russischer Bau-Milliardär (Karel Roden), eine Bande von Kleinganoven (Gerard Butler u.a.) und eine Femme fatale (Thandie Newton) die Beute abjagen. Gehorchen die Gangster mehr oder weniger den Gesetzen des kriminellen Marktes, wird ein drogensüchtiger Rocksänger, der den eigenen Tod fingiert, um die Verkauf seiner Platten anzukurbeln, zum chaotisierenden Element.

Mag sein, dass Ritchie nur diese eine Sorte Film machen kann. Aber das, was er kann, macht er auch in „RocknRolla“ gut. In den Dialogen mischt sich Nonsens, Coolness und Verbalakrobatik. Der rasante Schnitt treibt die Erzählung voran, und die Sexszene, die den Liebesakt auf drei Sekunden herunterbricht, wird als kompakteste Beischlafsequenz in die Filmgeschichte eingehen. Schließlich wartet Ritchie inmitten des homophoben Gangsterkosmos auch noch mit einem schwulen Coming-out auf, mit dem er die Macho-Kultur, die er eben noch zelebriert hat, sehr originell dekonstruiert (in 8 Berliner Kinos). Martin Schwickert

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