Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Oper sucht

Bühne

Jubeljahre hin oder her: Mit Haydn als Opernkomponisten tun wir uns schwer. Für Mozart zu leichtgewichtig, für Händel zu zahnlos, für Eigenes zu einförmig und fürs 21. Jahrhundert sowieso zu empfindsam. Das Problem potenziert sich, wenn konzertant aufgeführt wird: wenn der Haydn’sche Humor theatralisch nicht zünden darf und drei Stunden lang nur Sänger in Abendroben zu besichtigen sind. Insofern tut Nikolaus Harnoncourt mit Haydns „Orlando Paladino“ von 1782 in der Philharmonie niemandem einen Gefallen (noch einmal heute, 19 Uhr). Extrem ermüdlich reiht sich hier Rezitativ an Arie an Ensemble an Arie an Rezitativ, am Ende wird das allgemeine Durchhaltevermögen beklatscht und weiß keiner mehr, warum Eurilla (Mojca Erdmann) Pasquale kriegt (den spiellustigen Markus Schäfer), während der Kreuzzugsritter Roland (Kurt Streit, schön beherzt, in der Titelpartie) ganz ohne die königlich-elegische Angelica (Jane Archibald) glücklich werden soll, die ihrerseits Medoro liebt (was man bei James Taylors innigem Tenor verstehen kann).

Das Skurril-Satirische des Stoffs ist Harnoncourts Sache jedenfalls nicht. Zwar stilisiert er die Zauberin Alcina (mit schlankem Furor: Michelle Breedt) zu einer dauerpräsenten dea ex machina, aber das ist es dann auch. Harnoncourt sucht die „Così“- und „Giovanni“-Nähe der Partitur, ihren dramatisch-affektiven Puls. Das gelingt auch deshalb nur mäßig, weil die Berliner Philharmoniker sich rhetorisch uneins sind. Viel Vibrato (wie im Continuo-Cello) oder gar keins, mehr Bogen oder weniger – ein jeder nach seiner Façon, als habe das Orchester weder mit Haydn noch mit historischer Aufführungspraxis je einschlägige Erfahrungen gemacht. Und Harnoncourts gestische Befeuerung trägt offenbar noch zur Verwirrung und Unlust bei. Einzig die drei Finali leben ein bisschen aus sich selbst heraus, mit dynamischen Licht- und Schattenspielen, mit sängerischem Drive und Freude am komponierten Scherenschnitt.

Ein Trost, eine Hoffnung für Haydn bleibt: dass Nigel Lowery und René Jacobs diesem „Rasenden Roland“ im Mai an der Lindenoper mehr heroisch-komischen Aberwitz und Hintersinn entlocken. Christine Lemke-Matwey

KUNST

Fisch sucht

Forscher

An einer Ampel sitzen die Nachtschwärmer einer asiatischen Metropole auf Motorrollern. Sie warten, gähnen, blinzeln ins Leere. Dann fahren sie aus dem Bild, unbekannten Versprechen entgegen. Zurück bleibt nur der Deutsche mit dem seltsamen gelben Helm. Ein Meeresforscher unter Fischen. Er taucht wieder auf in der Rettungsstation eines Ostseebads und vor Moshe Safdies Expo-Komplex in Montreal. Man darf den Schauspieler im poetischen Video „Habitat“ als Vertreter des Künstlers selbst sehen. Maix Mayer hat einst Ökologie studiert, bevor er als 42-Jähriger sein Medienkunstdiplom nachholte. Die Guardini Galerie zeigt seine Ausstellung Was tun (bis 24.4., Askanischer Platz 4, Di - Fr 14 - 19 Uhr). Unter Mayers zugleich distanziertem und empathischem Forscherblick erscheinen utopische Architekturen wie die Räume fremder Lebensformen. Pulsierende Megacities zeigen sich in entschleunigten Detailaufnahmen wie hinter Aquariumglas, während die Betonschalenbauten von DDR-Architekt Ulrich Müther wie verlassene Muscheln anmuten. Eine lösende Melancholie umweht die Suche nach verschütteten Zukunftsversprechen. Selbst die Bausünden von Halle-Neustadt bewahren hier eine Restwürde. Maix Mayer gehört zum Künstlerstamm Gerd Harry Lybkes, wo er im Schatten Neo Rauchs oder Tim Eitels in aller Ruhe seiner wertvollen Arbeit nachgeht. Die neuesten Ergebnisse zeigt Lybke ab 28. März bei Eigen + Art. Kolja Reichert

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