Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Reine

Glaubenssache

Ein guter Missionar, so heißt es, muss milde zu seinen Schäfchen, aber hart in der Sache sein. So wie Roger Norrington: Nachsichtig lächelt er über das Publikum, das in der offenbar ausverschenkten Philharmonie zwischen den Sätzen von Schuberts großer C-Dur-Sinfonie Beifall spendet. Doch wenn es um sein Credo geht, ist Sir Roger gnadenlos: Auch beim Jubiläumskonzert zu seinem 75. Geburtstag erlaubt er seinem Stuttgarter Rundfunkorchester den Einsatz von Vibrato nur dort, wo es explizit in der Partitur steht. Auch Alban Bergs Violinkonzert scheint hauptsächlich auf dem Programm zu stehen, um die Folgen besinnungslosen Vibrato-Missbrauchs anzuprangern: Während die Stuttgarter Musiker ihre Saiten nur dosiert zum Schwingen bringen, spielt Solist Leonidas Kavakos jeden Ton mit vibrierendem Hochdruck. Ein Dialog kommt so nicht zustande. Klar wird vor allem, dass das Vibrato tatsächlich eine Glaubensfrage ist: Wer sich zu Norringtons Totalverweigerung bekehrt, muss sein ganzes Klassikleben neu ordnen. Auch aus Schuberts C-Dur-Sinfonie tritt, jeglichen romantischen Gewabers entkleidet, plötzlich das verzweifelte Bemühen eines jungen Komponisten zutage, einen riesigen Formaufriss um jeden Preis zu füllen. Hinter der Getriebenheit, mit der Norrington den Parcours des Stücks durchmisst, scheint so die Angst vor einer lichten Leere auf, beklemmender als alles Schicksalsgeraune. Der Missionar dürfte an diesem Abend einige Gläubige hinzugewonnen haben. Jörg Königsdorf

KLASSIK

Feine

Herzenssache

Wenn Deutschland den Superstar beim Deutschen Musikwettbewerb kürt, bleiben ein paar Plätze im Konzerthaus frei. Dabei sind hier die künftigen Talente schon gefunden – alle unter 25, alle interpretatorisch ideenreich, alle mit StarAmbitionen. Schon in Carl Maria von Webers Fagott-Konzert wird das deutlich: Daniel Mohrmann zeigt, wie man das Werk jugendlich frisch entstaubt. Dass das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Matthias Foremny dabei als zurückhaltender, aber wunderbar vielfarbiger Begleiter glänzt, kommt Mohrmann ebenso zugute wie dem Hornisten Christoph Eß. Der poliert Richard Strauss'' Hornkonzert mit sanftem, fast streicher-weichem Ton auf. Von solcher Zurückhaltung ist Dawid Jarzynski weit entfernt. Durchaus eigensinnig interpretiert er Webers Klarinetten-Konzert – dafür wird sein gehauchtes Pianissimo im zweiten Satz, ein fiebriges Flüstern, zum sublimen Höhepunkt des Abends. Byol Kang beschließt ihn mit Sibelius'' Violinen-Konzert: Enorm ausdrucksstark, klanglich jedoch gegenüber dem nun aufbrausenden RSB zu schwach. Und dennoch: Der Auftritt dürfte sich für alle lohnen. Mancher Orchester-Intendant saß auch im Publikum. Daniel Wixforth

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