Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Kleiner Tritt

oder Lebewohl?

Wenn Kritiker ein Recital mit Liedern von Hugo Wolf besuchen, dann ahnen sie, was ihnen am Ende blüht: diese artifizielle Hinrichtung ihres Berufsstandes, die sich „Abschied“ nennt. Süffig walzt da die Musik. Denn der kritisierte Künstler befördert den ungebetenen Rezensenten die Treppe herab, dass es poltert, mit einem kleinen Tritt „nur so von hinten aufs Gesäße“. Die Rache ist jedoch so sublimiert, dass sie den Ohren süß klingt.

Vor einem hingerissenen Publikum breiten Roman Trekel und Daniel Barenboim in der Staatsoper die Vielfalt der von Wolf vertonten Mörikegedichte aus. Klage ist darin, weit mehr als Buffoneskes, und der Sänger verfügt über unendliche Nuancen, um die Atmosphäre der Texte deklamatorisch in die Musik zu holen. Die Naturbilder, die zum Tod führen, ein Tännlein, zwei schwarze Rösslein: Es sind Gedichte der Vergangenheit, die der Komponist sich angeeignet hat, und Trekel weiß mit ihnen zu verführen. Während Barenboim am Klavier alle Register zieht, wird Trekels Stimme freier, um pianissimo zu differenzieren: Es ist, als ob eine ganze Welt bebildert würde, die das Heitere der „Storchenbotschaft“ und das Atemberaubende des „Feuerreiters“ einschließt. „Lebewohl“: Hier singt Trekel nicht sich selbst, als wäre er der Winterreisende oder Wolfram, sondern ist Rezitator, der mit dem „Wort der Schmerzen“ aufschreit und leise weint über das Schicksal Mörikes und seiner Braut Luise Rau. Sybill Mahlke

THEATER

Mick Jagger

oder Walter Ulbricht?

Im Herbst 1969 sorgte das Gerücht, am 20. Jahrestag der DDR würden die Rolling Stones an der Berliner Mauer ein Konzert geben, bei Rockfans für Euphorie und bei der Staatssicherheit für Alarmbereitschaft. Das griff der Schriftsteller Ulrich Plenzdorf in dem Monologtext kein runter kein fern auf, der 1978 mit dem Ingeborg- Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde: Während aus Lautsprechern die offizielle Selbstdarstellung der DDR tönt, bricht ein Hilfsschüler „zu Mick“ auf. Der Junge, der aus dem System herausfällt, weil das System Abweichungen nicht vorsieht, konterkariert die Worthülsen in einem kryptischen, subversiven Bewusstseinsstrom. Im Foyer des Maxim-Gorki-Theaters hat der junge Regisseur Ronny Jakubaschk den Text jetzt als flotten Fünfzigminüter inszeniert (wieder am Dienstag, 19.30 Uhr).

Dem 16-jährigen, schauspielerisch unglaublich beeindruckenden Gymnasiasten Arthur Romanowski, den die Gorki-Crew bei einem „Theater-und- Schule“-Projekt aufspürte, gelingt die Balance zwischen dem DDR-Kontext und einer zeitenübergreifenden Teenager-Existenz. Andreas Leupold überzeugt als Patriarchen-Vater im Feinrippunterhemd. Und das vom Gitarristen Sebastian Bandt unterlegte Singen und Sehnsuchstanzen zwischen zwei kargen Matratzen kommt überaus kurzweilig daher. Aber genau dort liegt auch ein Problem dieses kleinen Abends: Gemessen am Sujet, fällt er ziemlich harmlos aus. Christine Wahl

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