Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Being

Mieke Matzke

Immer ich. Wie langweilig. Man will doch mal ein anderer sein, sich dem neoliberalen Befehl „Sei du selbst!“ mit der Gewissensverve eines Kriegsdienstverweigerers an der Individualismusfront entziehen. Und am liebsten möchte man dabei an die Hand genommen werden, denn es ist ja gar nicht so leicht, sich selbst aufzugeben und durch die Augen eines anderen zu sehen. Vermeintlich passend aufgehoben ist man mit dieser Ausreisesehnsucht aus dem eigenen Körper beim Performance- Kollektiv She She Pop und seiner jüngsten Produktion „Die Welt, in der wir leben“ im Hebbel-Theater (wieder 25. bis 29. März). Die verspricht eine Neugeburt, und vielleicht beginnt sie deshalb auch wie ein Kindergeburtstag. Die Theatertruppe lädt dazu ein, sich in den Kopf ihres Mitgliedes Mieke Matzke zu begeben. Dazu bastelt man sich erst mal eine Mieke-Maske und erfährt dann, geführt von fünf Mieke-Coaches, unter ihnen Mieke, allerlei über Teetrinkgewohnheiten, Ordnungswillen und Lektürevorlieben, über Reiselust und Liebesfrust dieser Frau, die man jetzt sein soll – das „Being John Malkovich“-Prinzip.

In einer sehr hübschen Szene sitzt man in Miekes „innerem Klassenzimmer“, dem Ort, wo sie gern fingerschnippend aufzeigt und vor sich selbst mit ihrem Wissen glänzt. Doch so lustig-putzig das alles ist, der Abend, der in seinem Mitmach-Furor ziemlich lang wird, kommt über einen She-She-Pop-Insiderwitz nicht hinaus. So spannend ist es leider nicht, Mieke Matzke zu sein. Patrick Wildermann

KUNST

Schmetterlingsraupen

erblühen und verglühen

Im Prinzip lässt sich Malerei nach ihrem Abstraktionsgrad einteilen: Hier die abbildenden Gemälde, dort die ungegenständlichen. Die Kunst von Pia Fries – wie auch die ihres Lehrers Gerhard Richter – zeigt, wie grob geschnitzt solche Theoriewerkzeuge sind. Was heißt schon „ungegenständlich“, wenn in den Bildern der neuen Trägerin des Fred-Thieler-Preises für Malerei die Farbe selbst zum Gegenstand wird? In der Berlinischen Galerie wird die Ölfarbe zum plastischen Material. Aus der Nudelpresse gedrückte Wülste, verschmierte Girlanden und mit Rakeln zerkratzte Malflächen bilden die sichtbaren Ränder einer überaus sinnlich-konkreten Malkunst. Futter für die Fantasie (Alte Jakobstraße, bis 11.5., Mi–Mo 10–18 Uhr).

Der Thieler-Preis musste abspecken. Die Summe wurde um ein Drittel auf 10 000 Euro reduziert, ein Preisträger wird von nun an nur noch alle zwei Jahre ausgewählt. Laudator Stephan Berg, Direktor des Kunstmuseums Bonn, hat die Bedeutung des Werks der 53-jährigen Fries, die inzwischen UdK-Professorin ist, früh erkannt. Eine Schlüsselrolle im Schaffen der Schweizerin kommt den historischen Naturbüchern von Maria Sibylla Merian (1647–1717) zu: Die daraus reproduzierten Blüten und Blätter tauchen auf den Gemälden auf. Darüber lässt Fries die Farben erblühen, verglühen und wie Schmetterlingsraupen Metamorphosen durchlaufen. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Schwungvoll

melancholisch

Sie ist ein Superstar, doch sie benimmt sich nicht so: Weder mit Charme noch mit virtuosen Hexenkünsten will Hilary Hahn ihr Publikum einfangen. Streng ist ihre Ausstrahlung, wie sie da einsam auf der Bühne der Philharmonie steht und zwei der horrend schwierigen Solosonaten von Eugène Ysaÿe interpretiert. Doch ihr Ton überflutet mit einem straffen Timbre den Raum, kennt in anspruchsvoller Vielstimmigkeit unendlich viele Farben und Facetten. So viel Ernst in der Kunst spürt auch der, der ihr eigentlich fernsteht – und so folgt das Publikum der Künstlerin willig durch ihr gar nicht eingängiges Programm und spendet warmherzigen Beifall.

Es liegt nicht am intellektuellen Zuschnitt der spiegelbildlich angeordneten Stückfolge, dass der Funke nicht ganz überspringt. Drei Sonaten von Charles Ives, der mit hemmungsloser Schnitt- und Mischtechnik heterogenster Klänge zum Vater der amerikanischen Moderne wurde, gestaltet Hahn mit bezwingender Poesie und hintergründigem Witz im scheinbar Einfachen. Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms, virtuos arrangiert von Joseph Joachim, verleiht sie glutvolle Melancholie und feingliedrigen Schwung. Bartóks rumänische Volkstänze spinnen den Faden zur rhythmisch ausgefuchsten Abstraktion weiter. Doch durch die Kontaktlosigkeit zwischen der Geigerin und ihrer Klavierbegleiterin Valentina Lisitsa kann sich die Musik nicht ganz entfalten – die versierte Pianistin drängt sich entweder mit Klangfülle in den Vordergrund oder nimmt sich bis zum Desinteresse zurück. Hilary Hahn mit Ysaÿe allein auf der Bühne – darin ist dieser Abend groß. Isabel Herzfeld

FOTOGRAFIE

Puzzle mit

Peperoni

Dora K., 23 Jahre alt, lebt im ungarischen Pécs und spricht perfekt Hochdeutsch. Nur das R rollt sie ein bisschen, wenn sie von ihrem Leben als Donauschwäbin erzählt, von Toleranz und Fremdheit. Sie ist eine der Vertreterinnen der deutschen Minderheit in Ungarn, Serbien und Kroatien, denen der Besucher in der Ausstellung Sie verlassen jetzt die Landkarte! im Museum Europäischer Kulturen begegnet. Neben Tonbandaufnahmen tragen liebevolle Fotografien zum Identitäts-Puzzlespiel bei: Wohnzimmergarnituren und Landstraßen, futuristische Werbeplakate an zerbröckelnden Mauern und meterlange Reihen von Peperoni an Bauernhäusern (bis 5. Juni, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr).

Die Bilder sind eine bereichernde Ergänzung zu den historischen Fotografien im Nebenraum: „Multiethnische Dimensionen – Südungarn 1916–1920“ zeigt Porträtaufnahmen eines ungarischen Hobby-Fotografen, Béla Hernai, die er im Hof seines Hauses in Véménd schoss. Eheleute posieren, Kinder präsentieren ihr Spielzeug. Die Männer tragen Fes oder Bauernhüte, Uniform oder Tracht. Einst waren es repräsentative Erinnerungsstück, heute bilden sie das multiethnischen Miteinander eines Dorfes ab. Anna Pataczek

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