Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

POP

Die armen Dreißiger

Was waren das für wilde Zeiten! Was waren das für grandiose, glamouröse, freie Frauen: Coco Chanel, Marlene Dietrich, Martha Graham, Tamara de Lempicka. Sie repräsentieren eine Ära, in der Mut zur geistigen Freiheit, Fortschrittsglaube, Emanzipation und Dekadenz eine explosive Mischung ergaben, aus der große Kunst entstehen konnte. Auf ihrer Deutschlandtournee beschwört Patricia Kaas die Heldinnen der dreißiger Jahre. Zumindest behauptet sie es in Interviews. Im ausverkauften Tempodrom ist davon nichts zu spüren. Da schnurren die goldenen Zeiten zur Pappkulisse zusammen: eine Showtreppe, die keiner benutzt, ein matschiger Sound, der wohl nach Grammofongeknister klingen soll, schwarzweiße Kintopp-Schnipsel in den ambitionierten Videos.

Sicher, Patricia Kaas hat nicht nur diese unverwechselbare Stimme, sondern auch eine tolle Figur. Doch was sie auf der Bühne veranstaltet, erinnert eher an rhythmische Sportgymnastik. Kein Hauch von Erotik. Und keine Spur von Authentizität in den Arrangements. Der Applaus kommt nur bei den alten Chansons über die Höflichkeitsschwelle hinaus: „Les hommes qui passent“, „Mon mec à moi“ – mein Gott, ist das lange her! In „D’Allemagne“ steht noch die Mauer. Als Patricia Kaas dem Publikum ihr Mikrofon zum Mitsingen entgegenstreckt und ihr Schweigen entgegenschlägt, da ist es endgültig Zeit, dieses deprimierende Soirée zu verlassen. Frederik Hanssen

KUNST

Kleinkrieg mit Mikroben

Prussia (Preußen) nannte sich die legendäre Altertumsgesellschaft aus Königsberg, deren Sammlung nach dem Krieg teils in Berlin, teils im polnischen Olsztyn verblieb. Der wertvollste, in Kaliningrad gelagerte Teil der Steinzeit bis Mittelalter umfassenden Kollektion wurde zu Sowjetzeiten eher stiefmütterlich behandelt. Die Ausstellung Gerettet widmet sich dem Schicksal der Inventarbücher der archäologischen Sammlung des Prussia-Museums; es ist die letzte Sonderschau im Charlottenburger Schloss, bevor das Museum für Vor- und Frühgeschichte ins Neue Museum auf der Museumsinsel umzieht (Langhansbau, Spandauer Damm 22, bis 26. April, Di.–Fr. 9–17, Sa. u. So. 10–17 Uhr). In Vitrinen werden historische Beispiele von Ausgrabungen für die Prussia-Sammlung gezeigt, die zwischen 1902 und 1938 unternommen wurden. Daneben informieren Schautafeln über die 1844 gegründete Altertumsgesellschaft, die ihre Bestände erst 1924 vom Königshaus ins Königsberger Schloss verlegte. Dort wurden 1968 die Reste der 15 Inventarbücher entdeckt, aber erst 2007 wurden die papiernen Fragmente dem Staatsarchiv Olsztyn übergeben. Die Bild- und Textdokumentation zeichnet die Arbeit der polnischen Experten nach – das Geduldsspiel, lose Blätter in der richtigen Reihenfolge zu ordnen, und den Kleinkrieg mit papierfressenden Mikroben. Jens Hinrichsen

PUNK

Älter als Franz Ferdinand

Die britische Punklegende Wire sorgt im rappelvollen Live at Dot für entfesselte Gitarrenpower, wofür nun Margaret Fiedler McGinnis und Colin Newman verantwortlich sind, nachdem Bruce Gilbert die Band verlassen hat. Den Bass lässt Graham Lewis brummen, und Schlagzeuger Robert „Gotobed“ Grey klopft mit stoischer Präzision den Beat. Dabei entsteht ein Sog, bei dem man sich fragt, wie ein derart unterkühlter Gitarrenpop ein so durchgängiges Gefühl der Nervosität suggerieren kann.

Neben Stücken neueren Datums, für die man sich problemlos begeistern kann, spielen Wire diesmal auch Klassiker wie „Pink Flag“, „Lowdown“ oder „Outdoor Miner“, mit denen die Band vor dreißig Jahren aus den Brandungswellen des britischen Punkrocks hervorstieg und Postpunk den Weg wies, bevor sie nach drei phänomenalen Platten als dadaistisch angehauchtes Experimental-Event ihr vorläufiges Ende inszenierte.

Zum Schluss bringen sie sogar „12 XU“, das kultige Pogo-Stück, das die Band nie live aufführen wollte und das nun als unfassbar taumelige Schrabbel-Version einen Gig beendet, der nahtlos an alte Zeiten anknüpft und trotzdem nichts von einer Nostalgieshow hat. Die Zeit steht einfach still, wenn sich die Musiker mit dem Publikum vereinigen, um etwas abzufeiern, das älter ist als Franz Ferdinand und keinen Ton schlechter. Ganz im Gegenteil! Da stehen sie: die letzten Überlebenden von ’77 – ihre Fans sind jung, jung geblieben und jung an Jahren. Volker Lüke

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