Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

COUNTRY

Wäre ich der, den du dir wünschst, wäre ich nicht der, der ich bin

Ganz klein stand 1992 auf einem Plakat in der Wuhlheide unter Lou Reed und Violent Femmes der Name Lyle Lovett. Siebzehn Jahre musste Berlin auf die Rückkehr des Singer/Songwriters warten. Jetzt steht er in der Passionskirche, in dunklem Anzug und einem Gesicht wie geschnitzt, mit großer Nase und schiefem Lächeln. Erstmal eine Ballade zur Akustikgitarre, dann rückt die Band an. Artig frisiert erinnern die Musiker an einen Mormonen-Hausierer-Trupp. Es ist eine kleine Combo: Gitarre, Kontrabass, Cello, der legendäre Russ Kunkel am Schlagzeug. „Here I Am“ singt Lovett, ein zickig angejazztes Lied. Er erzählt viel zwischen den Songs, in denen sich Folk, Blues, Country, Gospel, Bluegrass und Soul trefflich mischen. Schade, dass er die kleinen Apercus zu deutscher Architektur, Spätzle, über Kirchen, Cowboys und Farmerleben wegnuschelt, und die Pointen, über die in den vorderen Reihen gelacht wird, hinten nicht mehr ankommen.

Dafür erreicht die Musik – ihre Kraft, ihr Swing und Lovetts außerordentliche Singstimme – die entlegensten Winkel der Kirche und die Herzen der Fans. „Wenn ich der Mann wäre, den du dir wünschst, dann wäre ich auch nicht der, der ich bin“, singt er in einem hübschen Walzer. Songs aus dem Fundus der letzten zehn Alben. Zu denen Keith Sewell elektrisierende Akustikgitarrensoli runterjazzelt und sich mit dem Cellisten lässige Frage-Antwort-Phrasen hin- und herwirft. Neben Lovetts eigenen exorbitanten Kompositionen glänzt besonders Guy Clarks „Step Inside This House“. Bevor zur Zugabe die Kirche noch einmal in den Gospel von „Church“ getaucht wird. H. P. Daniels

POP

Der sympathischste

Liedermacher der Welt

Selten einen so beschwingten Konzertbeginn erlebt: Als Jonathan Richman mit seinem Drummer Tommy Larkins den schelmischen Instrumental-Hit „Egyptian Reggae“ anstimmt, springt der Funke im rappelvollen Festsaal Kreuzberg sofort über und trägt den 57-Jährigen mit restjugendlicher Ausstrahlung auf einer Welle der Begeisterung davon. Er revanchiert sich mit einer Auswahl von Klassikern und jüngeren Stücken, bei der für jeden ein paar Lieblingslieder dabei sein dürften. Etwa die Meditation über „Pablo Picasso“ und seine Wirkung auf Frauen. Oder „No one was like Vermeer“ mit der Lobpreisung des gleichnamigen Malers, die Laune auf den nächsten Museumsbesuch macht. Richmans Texte durchweht die Melancholie desjenigen, für den sich die Welt viel zu rasant verändert. Und obwohl sich dieses Gefühl in Habitus und Minenspiel niederzuschlagen scheint, ist seine Wirkung das Gegenteil: Wonnige Heiterkeit ist der Normalzustand nach einem Jonathan-Richman-Konzert.

Was auch an der Musik liegt: Die hat sich von einer Feelgood-Variante des Velvet-Underground-Krachs zu archetypischer Einfachheit entwickelt. Reduziert auf akustische Gitarre und karges Getrommel entfalten die Stücke einen Drive, dem man sich kaum entziehen kann. Bei „Springtime in New York“ schlawinert Richman ein Solo zusammen, dessen rührendes, falsches Virtuosentum all die Gitarren-Aufschneider des Rock bloßstellt. Nach anderthalb Stunden gibt’s als Zugabe eine ins Jonathan-Richman-Idiom übertragene Adaption von Leonard Cohens „Here it is“: komplett erst mit hinreißender Tanzeinlage des sympathischsten Liedermachers seit Erfindung der Gitarre. Jörg Wunder

JAZZ

Cool wie ein

ein Coupé

Die Stuhlreihen im Postbahnhof sind voll besetzt, auch die Sofas an den Seiten und zuletzt die Stehmöglichkeiten. Ordner mit verschränkten Armen sind am Backstage-Eingang postiert – mit Joshua Redman wird Jazz zu Pop. Der Saxofonist studierte in Harvard, stand mit den Stones auf der Bühne und spielte für Bill Clinton. Es war der smarte Jazz der Young Lions in Armani-Anzügen, kühl wie das Fahrgestell eines Coupés. Als Joshua Redman, gerade 40 geworden, in Designerjeans und Poloshirt auf die Bühne kommt, ist es, als würde die Zeit zurückgedreht. Ästhetik pur. Das glänzende Tenorsaxofon ohne Halsgurt, der Bass aus dunklem Holz und die schimmernden Becken des Schlagzeugs.

Er beginnt mit einem langen Solo, dass in das Thema von „Mack The Knife“ mündet. Dabei lässt sich Redman viel Zeit, umwirbt die Melodie und steigert sich dann in ein intensives, forderndes Spiel, zu dem sich sein Körper in höchster Anspannung mitbewegt. Angefeuert von Schlagzeuger Gregory Hutchinson und Bassist Reuben Rogers. Ein fulminanter Auftakt für ein Zweistundenkonzert mit grandiosem Klang, der Postbahnhof erweist sich als idealer Jazzort. Neben Stücken von seinem aktuellen Album „Compass“ kommen Klassiker, wie Monks „Trinkle Tinkle“, Autumn Leaves oder Wayne Shorters „Indian Song“. So ist Redman mit seinem aus der Tiefe kommenden, vollen, runden Ton der Klangbewahrer des Jazz – immer dann, wenn er reduziert bleibt und sich nicht von Spielchen, wie Klappengeräuschen oder Fanfarenglissandi, ablenken lässt. Maxi Sickert

0 Kommentare

Neuester Kommentar