Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Wo sich Luchs und Hase

„Gute Nacht“ sagen

Kein Wässerchen trübt den Auftritt des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie, so als hätte es die Vertragsbeendigungsansage von Chefdirigent Ingo Metzmacher am Donnerstag gar nicht gegeben. Vielleicht liegt es am Programm, das Georg Friedrich Händel und Joseph Haydn im Verhältnis 1: 3 mischt. Dem Klischee zufolge ist Haydn schließlich fade. Ein anderes Klischee fordert zwar, dass das nicht stimmt, doch ist beides korrekt: Haydn wird erst dann interessant, wenn man bei Abstufungen und Artikulationen, bei jedem Auftakt aufpasst wie ein Luchs, zumal dort, wo es um eher kuriose Stücke geht, die Sinfonia concertante von 1792 oder das Notturno für Flöte, Oboe und Orchester, deren Soli hier die Orchestermitglieder selbst ausführen: Mischa Meyer am Cello zum Beispiel oder Jörg Petersen am Fagott, die so aufsehenerregend spielen, mit lässig nasalem Ton der eine, mit flinken Koloraturen der andere, dass man fast vergisst, dass der Griff im Ganzen zu samtbehandschuht ist für wahrhaft aufregende Momente.

Denn auch an Ton Koopman liegt es, dass der Abend bedächtig verläuft. Der Altmeister der historischen Aufführungspraxis fordert und walkt zwar so intensiv, dass man noch in Reihe acht darauf reagieren möchte. Das Eingangsadagio zu Händels „Feuerwerksmusik“ schreitet mit bewundernswerter Ruhe voran, die Bourrée klingt so schlank, als sei das ohnehin reduzierte Orchester noch einmal so klein, der „Freude“-Satz lässt die Trompeten prächtig ins Geschehen schneiden. Wie lange sich Koopman mit dem Stück beschäftigt hat, ist in jedem Motiv zu spüren, es gibt keine Passage, die ihm einfach passiert. Bei Haydn aber geht die Rechnung schon nicht mehr auf; nach dem vielversprechenden Auftakt sinkt die Spannung allmählich ab: hoffentlich kein Omen für das DSO. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Zu viert grandios,

zu fünft perfekt

Die Gesichter haben sich geändert, und auch nach der 1997 mit dem Weggang von Robert Mann abgeschlossenen „Runderneuerung“ sind die Köpfe schon wieder grau geworden – doch im rappelvollen kleinen Konzerthaus-Saal beweisen die „vier vernünftigen Herren“ des legendären New Yorker Juilliard String Quartets einem begeisterten Publikum, dass sie an Frische und Intensität nichts eingebüßt haben.

Joseph Haydns C-Dur-Quartett aus dem experimentierfreudigen Zyklus op. 20 erklingt voll und warm, in den Fugato-Abschnitten von durchdringend klarer Gleichberechtigung aller Stimmen, von bezwingendem Ernst in der weitgespannten, mit schmerzhafter Chromatik angereicherten Unisono-Melodie des „Capriccio”-Adagios. Der ernste, bedeutungsschwere Ton setzt sich fort bei Felix Mendelssohn Bartholdys op. 13 – schon den lieblichen Beginn dieses allgemein „heiter” genannten Werkes stört ein melancholisches Motiv, das später das unheimlich wirbelnde Tarantella-Finale beherrscht. Hier erweist sich Ronald Copes als einer der charaktervollsten zweiten Geiger weit und breit, dessen Trauer Primarius Joel Smirnoff mit zarten Silbertönen, Samuel Rhodes und Joel Krosnick an Bratsche und Cello erdig-sonor mittragen.

Das Glück der ausgewogenen, spielfreudigen Klangfülle ist vollkommen, wenn Kommunikationsgenie Charles Neidich hinzutritt. Der große Klarinettist zieht die Fäden im Klarinettenquintett, das der nicht minder unverwüstliche Elliott Carter 2007 mit 99 Jahren schrieb, trumpft auf im spritzigen Palaver der Instrumente und zieht sich zum Schluss in weite Kantilenen zurück. Zur meditativen Mozart-Zugabe ist es da aus dieser komplexen, gestenreichen Moderne heraus nur ein kleiner Schritt zurück. Isabel Herzfeld

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