Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Bis zur Auferstehung:

Maerz-Musik in Philharmonie

Lange hält sich der erste Ton in Luciano Berios „Solo“ für Posaune und Orchester, wandert vom Solisten in die Streicher, spreizt sich in alle Instrumentengruppen. Dann schmilzt der Ton wie Wachs, aus dem Orchester beginnen Echos und Resonanzen die Posaune zu umspielen. Es ist ein Werk von äußerster plastische Klanglichkeit, vom SWR-Orchester unter Sylvain Cambreling und dem jungen Solisten Frederic Belli in atemberaubender Präsenz dargeboten. Und doch gibt Berio an diesem Abend in der Philharmonie nur das Präludium. Nach der Pause darf das begeisterte Publikum wohl dem Höhepunkt der Maerz-Musik beiwohnen, der Uraufführung der Trilogie „… auf …“ von Mark Andre. Der 1964 geborene Wahlberliner liebt kryptisch reduzierte Werktitel, die man schnell der Manieriertheit verdächtigen könnte. Auch das Klangmaterial seines Triptychons mag zunächst trivial erscheinen, es dominieren harte Akzente, unterbrochen von Schwelltönen.

Es gelingt Andre mit unzähligen rhythmischen Abstufungen, schwebende Zeitgestalten zu entwickeln. Er schafft eine ungeheure Klangpalette zwischen Geräusch und Glockenton, Pergamentrauschen und Metallplattenschlägen. Für Andre ist „… auf …“ eine Metapher für die Schwelle zur Zeitlosigkeit, zur Auferstehung. Man ahnt nun, was er meinte, als er auf der Pressekonferenz etwas unbeholfen von existentiellen Erfahrungen sprach. Wenn die letzten Partikel des gegen Ende mittels Elektronik in den Raum projizierten Klangs verstummen, haben auch die Hörer Neuland betreten. Und staunen ob so viel heiligem Ernst. Ulrich Pollmann

POP

Gegen die Wand:

Peter Bjorn & John

Sie mussten um sich treten, um die Vergangenheit abzustreifen, aber jetzt haben sie es geschafft. Niemand im gut gefüllten Festsaal Kreuzberg verlangt von Peter Bjorn & John, dass sie „Young Folks“ spielen, den Superohrwurm mit dem Pfiff, der die Schweden 2006 zu den It-Boys des globalen Indie-Pops machte. Stattdessen werden die dynamisch zwischen Sixties- und Eighties-Einflüssen hin- und herspringenden Songs des Trios bejubelt. Sänger Peter Morén wechselt sich zunächst mit Bjorn Yttling an Keyboard und Bass ab, ehe er auf die Gitarre umsteigt. Dazu klopft John Eriksson auf ein Set aus akustischen und elektronischen Drums.

Immer wieder hat man das PowerpopKraftwerk der frühen The Who vor Augen, wenn Morén Akkorde dreschend herumhüpft und Yttling bollerige Bassgewitter prügelt. Die Songs sind zugleich kompakt und komplex, bestechen mit eingängigen Melodien und münden oft in abenteuerliche Instrumentalpassagen. In der Popgeschichte kennen sich Peter Bjorn & John besser aus als ihr junges Publikum: Als sie eine Coverversion der Feelies ankündigen, einer tollen Postpunk-Band der frühen Achtziger, macht sich Ratlosigkeit breit. Umso stürmischer wird das explosive „Fa Cé-La“ dann gefeiert. Nach einer turbulenten Stunde kommt er dann doch, der unverkennbare Funky-Beat von „Young Folks“. Man könnte meinen, dies wäre der Höhepunkt, doch es wird noch besser: „Up against the Wall“ mit genial eingeflochtenem, düster-manischem Joy-Division-Zitat gerät zum zehnminütigen Exzess, bei dem Peter Morén sich schier um den Verstand springt und singt. Ganz großes Kino der sympathischen Schweden. Jörg Wunder

KLASSIK

In höchste Höhen:

Walter Braunfels’ „Vögel“

Steht eine Braunfels-Renaissance bevor? Vom DSO war zuletzt das „Te Deum“ zu erleben; die Deutsche Oper versuchte sich an den „Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna“. Wie sehr der Komponist, der einst in einem Atemzug mit Richard Strauss und Franz Schreker genannt wurde und dann als „entartet“ verfemt wurde, sie verdient hätte, davon kann Lothar Zagrosek mit seiner „konzertanten Operininstallation“ der Vögel mehr als überzeugen. Ein Riesenaufgebot trägt die umjubelte Aufführung im Konzerthaus: unter dem hoch engagierten Dirigat verströmt das Konzerthausorchester Sinnlichkeit pur, schlägt Funken aus einer hoch komplexen, den Hörer mit einem rauschhaften Klangstrom fortreißenden Partitur.Der Ernst-Senff-Chor leiht dem Vogelvolk seine reinsten, aufs Harmonischste ausbalancierten Stimmen.

Nicht weniger als acht Sänger hat Regisseurin Sabrina Hölzer auf erhöhten Podesten postiert – eine halbszenische Lösung, die auf das Leinwandoval mit projizierten Zeichnungen von allerhand Machtinsignien ruhig hätte verzichten können. Das Lustspiel des Aristophanes wendet Braunfels ins Pessimistische, geißelt den Versuch der Vögel, sich ein „Wolkenkuckucksheim“ zu bauen, als Hybris, empfiehlt Verzicht auf Selbstbestimmung. Die Sphären des Konversationsstücks und einer romantischen Naturvision mischen sich, und so bestimmt ein biedermeierlicher „Meistersinger“-Ton den ersten Akt. Im zweiten, dramatischeren Akt folgt ein ausladendes Liebesduett – dem 2. „Tristan“-Akt vergleichbar! –, mit Marisol Montalvo als Nachtigall. Mit lockenden Trillern und girrenden Koloraturen neben wunderbaren Lyrismen ist die amerikanische Sopranistin unstreitig der Star des Abends. „Zaunschlüpfer“ Anna Prohaska steht mit blendend fokussiertem Liebreiz allerdings schon in den Startlöchern, sie zu beerben. Isabel Herzfeld

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